Jobst Mahrenholz
Autor

 I.

 

2012

 

 

Nachdenklich gehe ich die Gräberreihen entlang, hin zum verheißungsvollen Schatten der Vaporetto-Station.

Schnell bewegt man sich hier nicht, an diesem Ort.

Der nüchterne, grau-gelbe Anleger bildet einen wohltuenden Kontrast zu den Friedhofsmauern, die sich rechts und links von mir erstrecken.

Ich bin erleichtert, als ich ihn erreiche, schicke meinen Blick über die Weite der Wasserfläche, schaue, ob ich schon ein Boot ausmachen kann.

Auf einer der Wartebänke sitzt eine Frau, die sich mit einem Fächer Luft zuwedelt. Es ist heißer als die Tage zuvor, an diesem Dienstag.

Ich nicke ihr zu, aber sie scheint in Gedanken, sodass sie mich nicht wahrnimmt, doch vielleicht täuscht das auch.

Ein Teil des Gesichts ist hinter einer mondänen Gucci-Sonnenbrille verborgen, die alles an Regung verschluckt. Das Haar trägt sie straff zurückgekämmt, ihr Sommerkleid ist in gedecktem Schwarz gehalten. Sie erinnert mich an Audrey Hepburne: Die gerade Haltung ihrer schmalen Gestalt, der hoch erhobene Kopf. Der gekonnt geschlungene Dutt.

Ein Blick zurück, und ich erinnere mich noch einmal daran, dass hier in sechs Tagen die Trauerfeier stattfinden wird.

Ich halte die Rede in der kommenden Woche. Man hat mich darum gebeten, also tue ich es. Es ist keine leichte Aufgabe für mich. Zum einen, weil ich nicht für große Worte gemacht bin, zum anderen, weil ich möchte, dass es eine fröhliche Rede wird. Wie soll das gehen, bei so viel Trauer?

Daran muss ich noch arbeiten.

Ein Leben zu skizzieren, das habe ich mir vorgenommen. Ein Leben, das streckenweise so eng mit dem meinen verbunden war, wie keines je zuvor.

Ein Leben, das mich zu dem hat werden lassen, der ich heute bin: Ein durch und durch glücklicher, zufriedener Mensch. Auch in diesem Moment.

Und dafür will ich ihm danken.

Wie für so vieles ...

2002

 

1.

 

»Es ist die meines Vaters!«, sagte Leo bestimmend. »Also kann ich ja wohl mit ihr machen, was ich will.«

»Aber nicht, wenn sie hier zur Überholung bei uns liegt.« Sein großspuriges Gehabe ärgerte mich. Das war so typisch Leo. Manchmal hielt er sich für was Besseres. Und das ließ er uns spüren. Immer wieder.

»Komm«, versuchte ich es versöhnlich, »wir nehmen die dahinten. Die ist noch nicht aufgebockt.«

Außerdem gehörte sie Giacomo FarelliFarelli, den konnte ich eh nicht ausstehen. 'Farelli hält sich für Gott', pflegte mein Vater zu sagen, 'so anbetungswürdig, wie der sich aufführt'.

»Und warum nicht unsere?«

»Mann, Leo. Weil der Rumpf frisch lackiert ist. Was meinst du was los ist, wenn der Anstrich was abbekommt?«

Das schien ihn zu überzeugen.

Leo war mein bester Freund. Eigentlich hieß er Leonardo, Leo gefiel uns jedoch besser. So wie ich von ihm Cece genannt wurde. Cesare fanden wir beide affig. Mein Vater war es gewesen, der sich da durchgesetzt hatte. Wäre es nach meiner Mutter gegangen, so hieße ich heute Andrea.

»Und warum nehmen wir nicht den Motorschlepper und fahren etwas raus?« Das war Pirro, der das fragte. Pirro hieß nun wirklich so. Da war nichts abgekürzt. Er hockte gelangweilt auf einem Holzschemel und beobachtete unser Hin und Her.

»Stimmt, warum nehmen wir nicht den Schlepper?«, schlug Leo in dieselbe Kerbe.

»Weil ich nicht weiß, ob er heute noch gebraucht wird.«

»Dann frag halt.«

»Es ist niemand da, den ich fragen kann.«

Es begann mich zu nerven.

 

Wir trafen uns in der Regel bei mir. Das war schon immer so. Ganz einfach, weil es am spannendsten war, sich bei mir zu treffen. Unsere Werft bot schier unerschöpfliche Möglichkeiten zum Spielen. Sie war sehr alt und angefüllt mit den interessantesten Werkzeugen. Es gab Lagerräume für Holz, Metall und Mobiliar, aber vor allem: Es gab Gondeln!

Gondeln in jedem nur erdenklichen Fertigungsstadium.

Gerade befanden sich vier zur Überholung bei uns, und eine im Bau. Die war natürlich das spannendste Objekt. Den Bau einer Gondel mitzuerleben, das hatte schon was. Selbst für mich, der das kannte, war es immer wieder ein erhabener Moment, die einzelnen Bauabschnitte zu verfolgen. Von dieser stand mittlerweile das Skelett. Morgen würde es mit dem Beplanken losgehen, und genau darum konnte es gut sein, dass der Schlepper noch gebraucht wurde.

 

»Und wenn wir zum Lido rausfahren?«, schlug ich vor.

»So viel Zeit habe ich nicht.« Da hatte Leo recht. Zum Strand brauchten wir ewig. Es lohnte nicht.

»Dann nehmen wir halt die Esmeralda.« Pirro sprang von seinem Schemel auf, warf seine Tasche in das alte wurmstichige Ruderboot und kletterte hinterher.

»Los, kommt schon«, rief er gutgelaunt, »Stellt euch nicht so an.«

Die 'Esmeralda'. Immer lief es auf die Esmeralda hinaus. Eine 'Mascareta' der ersten Stunde, so primitiv gezimmert, dass es meinem Vater eigentlich peinlich sein müsste, sie in der Werft anzutäuen. Doch vor allem – sie hatte keinen Motor.

Nichts ist besser als ein Motor, abgesehen von einem Gondoliere natürlich. Das ist jedoch eine andere Geschichte.

»Du ruderst!«, entschied Leo. Pirro nickte bereitwillig. Für ihn war es wichtig, seine Angel auswerfen zu können. Ob es zum Erreichen dieses Ziels einen Motor gab, oder er selbst der Motor war, spielte für ihn dabei keine Rolle.

 

 

Leo, Pirro und ich, wir drei gehörten zusammen. Seit über einem Jahr war das schon so.

Ganz früher, da gab es nur Leo und mich. Wir hatten uns über unsere Väter kennengelernt. Leos Vater war Gondoliere, und meinem hatte er den Auftrag gegeben, seine Gondel zu bauen.

Aus einer geschäftlichen Verbindung erwuchs Freundschaft. Und so kam es, dass auch Leo und ich regelmäßig Zeit miteinander verbrachten.

Mit Pirro war das anders.

Plötzlich, wie auf Knopfdruck, war er da. Und eigentlich waren es nicht wir, die sich mit ihm angefreundet hatten, es war umgekehrt.

Pirro hatte sich für uns entschieden – also gab es uns zu dritt, ab da.

Wir gingen auf dieselbe Schule, das vereinfachte es, sich zu verabreden. Und die langen Sommer verlebten wir fast durchgehend gemeinsam.

 

Fischen war für Pirro wichtig.

Er unterstützte seine Familie damit. Und die war groß. Pirro hatte acht oder neun Geschwister, so genau habe ich das nie durchschaut. Da war es schon eine Hilfe, wenn frischer Fisch auf den Tisch kam, ohne dafür zahlen zu müssen.

Solche Probleme kannten Leo und ich nicht.

Wir waren die einzigen Kinder unserer Eltern und standen finanziell gut da.

'Vom Gondelbau wird man nicht reich', erklärte mein Vater gerne, 'aber man kann wirklich ausgezeichnet davon leben'.

Bei Leo sah die Sache noch einmal ganz anders aus. Ein Gondoliere verdient sehr, sehr viel am Tag. In diesem Fall war allerdings Leos Mutter für den Wohlstand der Perluccis verantwortlich. Ihr gehörten Ländereien und Immobilien.

In Venedig eine Wohnung sein Eigentum zu nennen hieß an sich schon, ausgesorgt zu haben. Die Perluccis jedoch, sie besaßen Häuser.

Uns ging es also gut, Leo und mir.

Doch Pirro hatte zu kämpfen.

 

Gelangweilt lagen oder hingen wir auf der Esmeralda rum, jeder von uns mit etwas Angelschnur bestückt, an der Blinker, Haken und Köder befestigt waren. Aber es passierte nichts. Die Fische wollten einfach nicht beißen.

Unser Haus befand sich am Rande der Stadt, abseits vom Touristenrummel, doch so gelegen, dass die Gondoliere ihre Boote ohne Probleme zu uns bringen konnten.

Das Wasser war hier sauberer als inmitten der Lagune, darum liebte Pirro es, bei uns zu angeln.

»Und wieder wird's Polenta geben«, stellte er irgendwann frustriert fest, holte seine Schnur ein, um lustlos den Köder zu erneuern.

In letzter Zeit klappte es nicht so mit dem Fischen.

»Wenn du willst, kannst du heute bei uns bleiben«, bot ich an.

Sein Blick hellte auf. »Echt? Ginge das? Das wäre klasse!«

Leo schaute derweil betreten aufs Meer hinaus. Dazu hatte er auch allen Grund. Ich wusste, wie gerne auch er mal von Zuhause rauskommen würde, aber seine Mutter ließ das nicht zu. Wenn überhaupt, durfte ich bei den Perluccis übernachten. Ab und zu tat ich das auch, ihm zuliebe. Besonders toll war es nicht gerade.

»Was gibt's denn zu Essen bei euch?«

»Keine Ahnung. Nur sicher keine Polenta«, versicherte ich. »Mein Vater verträgt keinen Mais.«

»Das ist gut« Mit einem Lächeln wickelte Pirro seine Angelschnur auf, löste den Köder und steckte sie in das vorgesehene Fach seiner Tasche. »Keine Polenta ...«, murmelte er zufrieden vor sich hin.

Ich sah zu Leo, der nach wie vor seinen Blick aufs Wasser gerichtet hielt, die Angelschnur selbstvergessen in der Linken.

Meine beiden Freunde waren schon sehr unterschiedlich.

Pirro war nicht dünn, er war mager. Seine Knochen staken spitz aus seinem Körper. Dazu kam eine wirklich eindrucksvoll gebogene Nase, die nicht richtig zum Rest passen wollte. Braunes Haar stand störrisch zu allen Seiten und wirkte irgendwie immer ungewaschen. Im Grunde war es das auch.

»Ich bin fast jeden Tag im Meer. Wozu also waschen?«, erklärte er mir, als ich ihn einmal danach gefragt hatte. Und irgendwie hatte er ja auch recht.

Leo hingegen wirkte wie aus Porzellan gemacht. Das lag an seiner Haut. Sie war fast weiß und ein wenig durchscheinend, wie bei Porzellan eben. Es ist schon komisch, einen Freund über seine Haut zu beschreiben, aber bei Leo war das so speziell, dass es nicht anders ging. Dazu hatte er schwarzes, glänzendes Haar und, wie wir alle, braune Augen. Leo sah immer ein bisschen so aus, als friere er. Wenn er lächelte, dann hielt ich manchmal den Atem an, so faszinierend war das; Leo lächelte nämlich selten.

Er war eher ernst.

 

 

2.

 

»Das Essen war guut!«, schwärmte Pirro genießerisch.

Meine Mutter hatte zwei Schalen Lasagne vorbereitet, das war Glück.

Nun lagen wir auf dem Zwischenboden im Holzlager.

Seit dem neuen Anbau wurde der nicht mehr benötigt. Und so hatten wir drei uns irgendwann ein paar dünne Schaumstoffmatratzen organisiert und uns da oben eingerichtet.

Es war ein bisschen wie ein Baumhaus ohne Baum, ein großartiger Platz, allein schon vom Geruch her.

Bis zu zehn Holzarten lagerten hier, fein säuberlich getrennt nach Funktion und Sorte; hauptsächlich Eiche, Tanne und Kirsche.

»Hat Leo dich eigentlich schon mal zu sich eingeladen?«, fragte ich vorsichtig nach.

»Seine Mutter will das nicht", antwortete er gleichmütig. »Wie ist es denn so bei ihm?«

»Oh, sehr schick. Sie haben Geld, das sieht man.«

»Ja klar, das weiß ich, aber sind sie nett?«

Darüber hatte ich noch nie so richtig nachgedacht, fiel mir auf. Waren sie nett?

»Eigentlich nicht«, entschied ich. »Leo darf nichts! Wenn ich ihn mal besuche, hocken wir immer in seinem Zimmer rum und wissen nichts anzufangen. Raus sollen wir nicht, laut sein geht auch nicht – im Grunde ist es ziemlich langweilig.«

»Und was macht ihr dann?«

»Fernsehen ... Ja, eigentlich sehen wir fern. Mehr passiert nicht.«

»Bei uns läuft auch immer der Fernseher.«

»Ja, doch das ist was anderes.« Ich konnte mir schon vorstellen, wie das bei Pirro zuhause ablief.

»Bei Leo ist es wirklich anders«, versicherte ich ihm.

 

 

Die Perluccis wohnten unweit des Canal Grande. Ihre Wohnung umfasste sechs großzügige Räume. Es gab drei Balkone. Zwei davon zur Canalseite, einen zu einem Patio, in den man neben einem Brunnen eine Palme gepflanzt hatte. Wunderschön sah das aus.

Alle Zimmer, auch das von Leo, hatten Kamine, die im Winter befeuert wurden. Dabei existierte eine Zentralheizung.

Die Böden waren mit edlen Hölzern oder steinernen Mosaiken belegt, diese wiederum mit kostbaren Teppichen.

Alle Wände hatte man tapeziert. Ornamente über Ornamente. Und jeder Raum besaß ein eigenes farbliches Thema. Leos Zimmer war in hellblau gehalten, was mir gefiel und unglaublich gut zu seiner eigenartig weißen Haut passte. So, als betrete man ein Gemälde und Leo wäre ein Teil dieses Bildes.

Nach alter venezianischer Tradition gab es zudem überall Murano-Glas. Vor allem die Wand und Deckenleuchter waren daraus gefertigt, aber auch die eine oder andere Schale. Ich fand das etwas übertrieben, Leo auch.

Die Perluccis liebten Antiquitäten. Überall blinkten polierte Hölzer und gläserne Vitrinen. Im Kontrast dazu pflasterte moderne Kunst die Wände.

Ich muss zugeben, mich beeindruckte das immer wieder. Es war, als besuche man ein Museum, und mittendrin – der unglückliche Leo, leichenblass, ja, fast schon transparent neben all der Opulenz.

Es war ihm peinlich, das spürte ich.

Vor allem, wenn Signora Perlucci in Erscheinung trat. Leonardo hier, Leonardo da, Leonardo, der beste, der schönste, der intelligenteste, der wunderbarste. Besonders schlimm wurde es, wenn aus 'Leonardo' 'Nardi' wurde. In diesen Momenten sackte Leo in sich zusammen, als hätte man auf unsichtbare Weise seinen Lebensstecker gezogen.

Riccarda Perlucci merkte nichts von alledem. Sie war viel zu sehr von sich selbst eingenommen, als dass sie die Stimmungen ihres Umfelds hätte wahrnehmen können.

Ich war einer der wenigen, die Leo besuchen durften. Kein leichtes Leben für Leo, und darum ertrug ich auch seine Stimmungsschwankungen. Sie wunderten mich nicht besonders.

 

 

»Ich hätte ja echt Lust, mal zu sehen, wie er so lebt.«

»Glaub mir, Leo wäre sicher glücklich, wenn du ihn besuchen würdest, aber da hat die Perlucci einen Knall. Und das hat überhaupt nichts mit dir zu tun.«

Was so nicht ganz stimmte. Ich stellte mir Pirro vor, zwischen all der Pracht und dem Gloria, in einem seiner undefinierbaren T-Shirts, welches er wie üblich in vierter Generation aufzutragen hatte, halb in, halb aus der Hose hängend, die meist mit einem alten Strick zusammengehalten wurde. Und schließlich die Perlucci, wie sie auf Schnappatmung umschaltete bei diesem Anblick, gedanklich ganz die Kammerjägerin, die sie in ihrem Herzen nun mal war, ihre Hand vor dem Mund ...

Nein, nett war sie wirklich nicht, die Perlucci.

»Weiß ich«, holte Pirro mich aus meinen Gedanken. »Ich merke ja, dass es ihm nicht gut damit geht.«

Einen Moment betrachteten wir schweigend die Decke, vertieft in die hölzerne Dachkonstruktion, als Pirro plötzlich sagte: »Ich werde nächste Woche vierzehn. Meinst du, Leo hat Lust zu kommen?«

»Du feierst?«

»Ja, hatte ich schon vor ...«

»Bei dir Zuhause?«

»Ja klar! Wieso?«

»Ach, nur so.«

»Meinst du, er wird kommen?«

»Da bin ich sicher.«

Was auch wieder nicht so ganz stimmte ...

 

3.

 

»... und ich bin eingeladen?«

»Hat er gesagt. Aber warum auch nicht.«

»Weil ich ihn noch nie eingeladen habe.« Leo klang beschämt. Es ging ihm sichtlich nahe, dass Pirro ihn bei seinem Geburtstag dabeihaben wollte.

»Was soll ich ihm bloß schenken?« Er war richtig aufgeregt. Über ein Geschenk hatte ich auch schon nachgedacht. »Wie fändest du es, wenn wir für eine Angel zusammenlegen? Eine richtig gute!«

»Super!« Er war völlig außer sich. »Und noch ein paar Blinker dazu, was man halt so braucht.«

Ich war überrascht, wie sehr sich Leo über diese Einladung freute. Auf der anderen Seite – wer lud schon Leonardo zu sich nach Hause ein? Im Grunde hatte er nur uns beide.

»Warst du schon mal bei ihm?«, fragte Leo mich und kam damit auf einen heiklen Punkt zu sprechen.

»War ich.«

»Und? Wie ist es da so?«

»Anders ...«

Besser konnte ich es nicht beschreiben.

»Wie, anders?«

»Es ist ziemlich – anders eben.«

»Aha ...«

»Sehr anders!«

 

 

Wenn man auf gut Glück Pirro besuchen wollte, musste man ihn erst mal finden.

Die Girandolos bewohnten ein Hinterhaus.

Signora Girandolo, ihre neun oder zehn Kinder und Pirros Großmutter, Signora Lecco.

Es gab einen kleinen Hof, voll mit Gerümpel, und es gab das Haus selbst. Es war sehr schmal gebaut, wie es typisch für diese Gegend ist, und besaß drei Etagen. Trat man durch die Eingangstür, befand man sich in einem Treppenhaus, von dem eine steile Stiege nach oben führte. Linker Hand gelangte man in die Küche, was bedeutete, dass man automatisch Pirros Großmutter und zwei bis drei seiner jüngeren Geschwister begegnete, die meist auf einem Schlafsofa rumturnten. Beschallt wurde das ganze Szenario von dem ewig laufenden Fernsehapparat.

Signora Lecco saß üblicherweise in einem alten Korbstuhl und bestickte Geschirrhandtücher und Tischwäsche, die sie dann auf Wochenmärkten zum Verkauf anbot. Neben ihr stapelten sich sorgfältig geplättete Leinenstoffe, rechts die Rohlinge, links die fertig bestickte Ware.

Sie war sehr schwerhörig und hatte Probleme mit dem rechten Knie. Ansonsten hatte sie eine sehr freundliche Art. Sie nannte mich immer Julius, weil sie sich den Cesare so besser merken konnte, und bot mir stets einen Keks mit Cremefüllung an, den ich dankend ablehnte. Mir war klar, dass sie sonst auf einen verzichten musste, das wusste ich durch Pirro.

»Die sind abgezählt«, erklärte er mir. »Jeden Tag zwei Stück. So macht sie das.«

Saß Signora Lecco nicht in der Küche, begegnete man ihr schon in dem kleinen Hof, wo sie auf einem Mauervorsprung hockte, ihre Katze kraulte und Pfeife rauchte. Wenn man ihr ein 'Guten Tag Signora' zurief, lächelte sie, winkte freundlich, sagte aber nichts.

Wollte man nun also Pirro finden, galt es die Stiege zu erklimmen. Und das kostete einiges an Überwindung.

Mit jeder Stufe wurde der Geruch von Kinderfüßen, und all dem was sonst noch so daran hing, intensiver. Und mit intensiver meine ich – sehr intensiv. Die Girandolo-Sippe schlief auf vier Räume verteilt, in beliebigen Kombinationen auf einer Art Matratzenlager, bei dem weder ein Anfang noch ein Ende auszumachen war.

Laken, Kissen, Kleidung, Schulsachen, Spielzeug, Comic-Hefte, Bundstifte, Bücher, Schuhe, Paninis oder leergegessene Schüsseln türmten sich zu diversen Haufen, die sich niemandem eindeutig zuordnen ließen.

Dazwischen gab es die Girandolos, die entweder schliefen, spielten, sich stritten, für die Schule lernten, oder alles gleichzeitig taten.

Nie war klar, ob und in welcher Etage man Pirro finden würde.

Doch hatte man diese Expedition überstanden, fühlte man sich überraschend erleichtert und irgendwie sehr im Reinen mit sich.

Pirros Mutter habe ich übrigens nie zu Gesicht bekommen. So als hätte es sie nie gegeben.

 

 

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