Jobst Mahrenholz
Autor

 Man nennt mich Gian.

Ich bin 16 und komme eigentlich aus dem Süden, aus Salerno.

Doch nun leben wir in einem Vorort von Rom.

Wir, das sind meine drei Geschwister und ich.

Arturo ist der älteste von uns.

Mit ihm teile ich mir ein Zimmer.

Wir verstehen uns meist nicht besonders. Also gehe ich ihm aus dem Weg, wenn ich kann.

Silvia und Silvio heißen die beiden anderen.

Sie sind Zwillinge.

Deshalb auch die Namen.

Da sie erst vier sind, schlafen sie im Wohnzimmer.

Ich kümmere mich um sie, mache ihnen Frühstück, koche am Abend.

Ich klebe Pflaster auf ihre Knie, schneide ihnen die Haare und nehme sie in den Arm, wenn sie weinen.

Ab und zu spiele ich auch mit ihnen.

Meist sind sie ganz lieb.

Ab und zu wohnt auch Nicole bei uns.

Nicole ist unsere Mutter, aber seit sie mit Guido zusammen ist, sehen wir sie nur selten.

Nicole ist schwanger von Guido – also wohnt sie bei ihm.

 

 

Gian, ist die Wäsche trocken?“

Es ist Arturo der mich das fragt, und ich nicke als Antwort.

Hast du sie zusammengelegt und in die Schränke gepackt?“

Wieder ein Nicken.

Dann geh jetzt einkaufen!“

Das wollte ich sowieso.

Ich frage mich, warum er damit rumnervt.

Jeden Tag mache ich das, oder jeden zweiten, also könnte er mich eigentlich damit in Ruhe lassen. Ich mache es eh.

Und bring Bier mit!“

Sicher nicht!

Dafür ist kein Geld da, und das weiß Arturo auch, aber er sagt es trotzdem jedes Mal.

Arturo ist der Mann im Haus – auch das sagt er immer wieder, hockt dabei meist auf dem Sofa, guckt fern, oder er hat Besuch von Marco und Luis.

Dann hocken sie zu dritt im Wohnzimmer, gucken fern und trinken. Ich muss sie dann bedienen, und mir ihre Sprüche gefallen lassen – weil Arturo der Mann ist, im Haus.

Arturo ist neunzehn.

Wir stammen alle von unterschiedlichen Vätern ab. Ich finde das gut. Zu sehr mit Arturo verwandt zu sein fänd’ ich nicht so gut. Nicole als Verbindung reicht.

Nun also einkaufen.

Ich gehe immer in den Supermarkt vier Straßen weiter.

Es gibt auch einen um die Ecke, nur in dem, den ich meine, arbeitet Nicole zwei Tage die Woche als Aushilfe.

Es ist echt von Vorteil, wenn deine Mutter in dem Supermarkt arbeitet, in dem du einkaufst.

Alle sind irgendwie netter zu dir. Es gibt immer ein großes Hallo und Ciao wenn ich dort auftauche, und ab und zu schiebt mir Nicole ein paar Scheine extra zu, für mich und die Kleinen. Sie weiß, was passieren würde, wenn Arturo das mitbekäme. Aber das geschieht selten.

Ihr Guido mag uns nicht besonders. Er will, dass Nicole das Geld zusammenhält. Und er findet dass unsere Väter für uns zahlen sollten, nicht sie. Klasse Idee – wenn wir wüssten wer sie sind, unsere Väter.

Meiner kommt aus Andalusien. Daher bin ich dunkler als meine Geschwister.

Sebastian ist sein Name, oder er war es.

Ich weiß ja nicht, ob er noch lebt.

Wir wissen überhaupt nichts weiter über ihn.

Ich stelle ihn mir schön vor.

Ehrlich gesagt finde auch ich mich schön.

Ich weiß, dass man so nicht denken sollte, das ist eitel, aber wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich all die Unterschiede zu meiner Familie, und das gefällt mir. Das finde ich schön.

Auf den Straßen ist um diese Zeit nichts los. Es ist zu heiß.

Überall sind die Klappläden vor den Fenstern.

Das einzige was man hört sind Zikaden, ein paar Fernseher und ab und zu das Knattern eines Rollers. Die Straße gehört jetzt den Katzen.

Auch im Supermarkt ist Totentanz.

Sie haben, glaube ich, auch nur auf, weil das ihre Werbemasche ist.

Ciao, Gian!“, begrüßt mich Coletta. Sie lächelt breit.

Coletta ist so dick, dass sie kaum hinter die Kasse passt.

'In ihren Kittel hat sie einen Keil eingenäht, so fett ist die', hat Nicole uns erzählt.

Dabei dachte ich immer, Nicole würde Coletta mögen.

Wenn ich jemanden mag, würde ich nicht über ihn erzählen, dass er fett ist. Höchstens dick vielleicht.

Nicole hat heute frei, aber das weißt du sicher ...“

Klar weiß ich das. Ich lächle ihr zu, schnappe mir einen Korb und beginne meinen Streifzug durch die Gänge.

Bei uns gibt es oft Pasta, immer eigentlich. Pasta ist vielseitig, sie ist lecker, macht richtig satt und sie kostet nicht viel.

Ab und zu sind Bohnen und Würstchen drin, doch meistens koche ich Pasta.

Carbonara ist meine Spezialität.

Spaghetti brauchen wir also, Salz, Spülmittel, Grana Padano, Eier, Speck, Sardellen, Sahne, Milch und Ameisenfallen.

Das kommt vom Müll.

Den sammelt Arturo auf dem Balkon, und dann sind sie da.

Es ist ihnen völlig egal, dass wir im vierten Stock wohnen. Sie kommen einfach, eine nach der anderen, wie Perlen auf einer Schnur die Hauswand hinauf, bedienen sich bei uns, kriechen in irgendwelche Ritzen und bauen da Nester.

Wir haben schon Ärger mit den Nachbarn deswegen. Und mit den Steffanos unter uns.

Bei denen sind sie dann auch automatisch.

Da hab ich es gut. Mit mir fangen sie erst gar keine Diskussion an, sie wenden sich gleich an Arturo, nur – da kommen sie nicht weit.

Der Supermarkt ist klein. Aber er hat alles was man braucht.

Um diese Zeit bin ich meist der einzige Kunde.

Dann ist es ganz still.

Die Gefriertruhe und die Fleischkühlung rattern ab und zu.

Und die Klimaanlage rauscht leise.

Musik gibt es nicht in diesem Alimentari. Das finde ich gut.

Ananas ist im Angebot, also nehme ich eine mit.

Als ich zur Kasse komme, ist Coletta verschwunden. Ein Mann sitzt da, den ich nicht kenne.

Er lächelt freundlich. Es ist so ein Lächeln, das mir sagt, dass er weiß, wer ich bin.

Ich lächele zurück, packe alle Einkäufe in meinen Rucksack und zahle.

Beim Rausgehen bemerke ich Coletta zwischen den Regalen beim Einräumen.

Sie winkt mir zu.

Ich mag sie.

Auf meinem Rückweg versuche ich mir vorzustellen, wie Coletta wohl lebt.

Sie sieht aus, als wenn sie gerne tanzt, obwohl sie dafür vielleicht zu dick ist.

Aber das eine schließt das andere ja nicht aus. Sie ist immer fröhlich – vielleicht deswegen.

Sie wohnt sicher im Erdgeschoss. Und sie sammelt kleine Porzellanfiguren oder so was.

Das würde passen ...

 

 

Als ich um die Ecke biege, an der unser Wohnblock beginnt, bleibe ich stehen, denn ich sehe Tizian.

Tizian ist ein Schläger – und genau das tut er gerade.

Er hat einen Jungen in der Mangel, und so wie es aussieht hat er ihm schon übel zugesetzt.

Der Junge liegt gekrümmt am Boden und versucht mit seinen Händen sein Gesicht zu schützen. Doch Tizian tritt immer wieder zu. Tizian ist ein Rivale von Arturo. Alle haben Angst vor ihm. Auch mein Bruder.

Darum bin ich von mir selbst überrascht, denn ich laufe zu ihm, ohne nachzudenken, hole weit mit meinem Rucksack aus und schleudere ihn direkt in sein Gesicht.

Er ist nicht besonders schwer, der Rucksack, aber die Schnallen sind aus Metall und an einigen Stellen scharfkantig. Das stellt auch Tizian überrascht fest, als er mit seiner Hand über seine Wange fährt. Er blutet.

Nun ist Tizian sauer.

Er lässt von dem Jungen ab und hat jetzt mich im Visier.

Doch gerade als er auf mich zukommen will, landet ein gezielter Tritt in seinen Kniekehlen, sodass Tizian zusammenklappt und ungebremst auf seinem Gesicht landet.

Los komm, lass uns abhauen!“, ruft der Junge, rappelt sich auf, tritt Tizian noch einmal kräftig in den Rücken und lacht dabei. Das mit dem Laufen lass ich mir nicht zweimal sagen. Mir ist klar was uns blüht, wenn er uns erwischt. Mir ist auch klar, dass ich jetzt auf Tizians Liste stehe.

Du hast mir das Leben gerettet!“ Der Junge lacht mich an.

Sein Gesicht ist blutverschmiert, das scheint ihm jedoch nichts auszumachen.

Ich bin Ennio. Wir wohnen auf derselben Etage. Bin gerade erst hier hingezogen!“

Ich erinnere mich an den Möbelwagen, letzte Woche. Die Wohnung, in der früher die alten Rizzos gewohnt haben.

Ich ergreife die Hand, die er mir entgegenstreckt.

Und du?“, fragt er, „wie heißt du?“

Ich lächele ihm entgegen, blinzle kurz, da mich die Sonne blendet, ziehe meinen Notizblock aus der Hose und schreib's ihm auf.

 

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