Jobst Mahrenholz
Autor

Hier seht ihr einen schauplatz aus 'Der Herzberührer'

> Genova Web Cam 

 

Leseprobe

 

 

Die Nacht lag kühl auf den Bäumen und trug den Duft von eisigem Winter zu mir herauf. Ein wirklich gewaltiges Aroma, welches unmöglich auf einen Teller bannen ist. Bedauerlicherweise...

Ich saß auf der klammen steinernen Terrassenmauer, ein Glas Roten in der Hand und fror. Mein Blick wanderte ins Tal hinab, wie so oft in der letzten Zeit, und meine Gedanken wanderten mit. Da unten, da lag das Meer, der Strand, da lag Genova, 'la Superba'...

Hier oben, da gab es die Stille. Eine alles umfassende Stille.

Nicht äußerlich...

Es gab den Wald, es gab den Wind, der den Wald aufwühlte, mit einer Kraft die nachts meine Fantasie auf den Plan rief. Es gab die Tiere deren Rufe für ihre eigene Art Lockung versprechen mochte, für mein Ohr aber eher nach Schmerz und Trauer klangen.

Doch es gab auch die Stille.

Die in mir drin zum Beispiel.

So wie man nicht immer merkt wie etwas lauter wird, wie ein Ton mehr und mehr nach vorne dringt, so wenig hatte ich mitbekommen wie es nach und nach in mir verstummte, immer leiser und leiser geworden war.

La Superba...

Es war dringend an der Zeit einen Entschluss zu fassen, was mir anhand dieser inneren Stille als fast unmöglich erschien. Es fiel das Denken so schwer. Und dann die Kälte...

Hinter mir erstreckten sich die trutzigen steinernen uralten Wände meines Hauses gen Himmel. Mein Schutzwall, meine Zuflucht, aber auch meine ach so geliebte Wirkungsstätte - mein Heim. Es lag im Dunkeln in dieser Nacht. Ich war alleine, fast...

Das war gut... Sehr gut...

Und dann, nach einer langen Zeit des Wartens, fällte ich tatsächlich einen Entschluss.

Meine rechte Hand ertastete mein linkes Auge, entfernte es mit geübtem Griff und klemmte es zwischen Daumen und Zeigefinger. Es war das Rote.

Ich betrachtete es, als sähe ich es zum allerersten Mal und plötzlich entglitt mir ein Lächeln, ein kaltes.

Ich hatte es eigentlich noch nie besonders gemocht, das Rote. Es war mir zu laut und, ja, auch zu billig. Aber seinerzeit hatte es seinen Dienst erfüllt.

Aufs vortrefflichste...

Noch einen kurzen Moment verweilte mein Blick auf der kleinen Glaslinse, dann nickte ich, holte weit aus und warf sie, so weit ich konnte, ins Tal hinab.

Ich hatte eine Entscheidung getroffen. Schwarz würde folgen. Das war gut so, wie ich fand. Es war angemessen...

1.


Ein Restaurant zu führen ist das eine - ein Hotel, nun, das ist etwas ganz anderes.

Nicht, dass ich den Aufwand unterschätzt hätte - nein!

Was das betraf, da hatte ich eine ziemlich genaue Vorstellung von dem gehabt, was da auf mich zukommen würde, nicht zuletzt dank des organisatorischen Sachverstandes meiner Schwester Rebecca.

Der Umfang von Zimmerservice, Reinigung und Empfang entsprach ziemlich genau ihrer Prognose. Das selbe galt für den zusätzlichen Verwaltungsaufwand. All das blieb überschaubar, denn unser Angebot war mit gerade mal sieben Zimmern begrenzt.

Was es jedoch so komplett anders machte war, dass der Hotelbetrieb, im Gegensatz zum Restaurant, in die Privatsphäre eindrang.

Die Gäste blieben über Nacht: Das war der Unterschied!

 

Santa Maria della Casella lag hoch oben, auf dem Plateau eines steilen Bergkamms. Eine einmalige Lage. Völlig einsam, aber wunderschön.

Als ehemaliges Kloster, verfügte es über eine klug angelegte Architektur. Drei zweigeschossige Gebäudeflügel bildeten ein stattliches 'U'. Zwei davon standen den Gästen zur Verfügung. Den westlichen nutzte ich privat.

Im mittleren Trakt waren die Rezeption, ein Teil der Wirtschaftsräume, die Küche, und der angrenzende Speiseraum untergebracht. Ein großzügig angelegter Gemüsegarten sowie zwei geschützte Terrassen waren talwärts nach Süden ausgerichtet und boten einen Blick, der mit Worten kaum zu erfassen ist. Schon alleine deshalb nicht, da er sich, je nach Wetterlage im Minutentakt ändern konnte. Zum Norden hin empfing einen der gepflasterter Innenhof mit Parkplätzen und einem uralten, schattig gelegenen Brunnen, dessen kristallklares Quellwasser über die Jahrhunderte die steinerner Mauernische ausgespült hatte, aus der es sich ergoss.

Natürlich gab es auch eine kleine, schlichte Klosterkapelle, die sich aber ungewöhnlicherweise nicht in die Gebäude integrierte, sondern ganz für sich, am Rande des Grundstücks errichtet worden war. Sie diente uns als Lager und Werkstatt.

Doch trotz all der Großzügigkeit, trotz der geschickt angelegten Gebäudeaufteilung - ich fühlte mich von meinen Gästen ab und zu beobachtet. Ein wenig nur, doch es reichte aus um mich an manchen Tagen einfach mal unsichtbar zu wünschen. In solchen Momenten suchte ich dann das Weite und igelte mich für ein paar Stunden in meinem 'West-Trakt' ein.

 

Ich, Luca Lauro, war mittlerweile 22 Jahre alt, leidenschaftlicher Gastronom, und dass ich mich beobachtet fühlte, hatte sicher auch damit zu tun, dass ich in Italien immer noch bekannt war wie ein bunter Hund.

Die Tatsache, dass ich jetzt schon länger nicht mehr fürs Fernsehen arbeitete hatte daran nichts geändert. Nicht das geringste. Meine Kochshow war Geschichte - ich hingegen war es nicht.

Allerdings verwunderte mich das auch nicht weiter, denn die Merchandising-Produkte aus meiner Zeit als Italiens jüngstem Fernsehkoch liefen nach wie vor ausgezeichnet. Und wer sich für ein Messer, eine Pfanne oder einen anderen, der vierundzwanzig Artikel aus der 'Luca-Culinaria-Serie' entschied, blickte automatisch in die wechselhafte Zweifarbigkeit meiner Augen, von den mittlerweile vier erhältlichen Kochbüchern einmal ganz abgesehen.

Das Wissen darum war es also wohl vor allem, welches mir das Gefühl vermittelte, allzeit der Beobachtung unserer Gäste ausgesetzt zu sein.

Ich hätte Italien schon verlassen müssen um dem zu entgehen.

 

Kam es dann dazu, dass ich mich zurückzog, verbrachte ich die meiste Zeit davon alleine.

So fühlte ich mich richtig wohl, konnte entspannen und Energie Tanken, bevor ich mich wieder unter Leute begab.

Im Grunde war es tatsächlich fast so wie ganz früher, in meiner Kindheit, in der ich es über die maßen geliebt hatte, alleine spielen zu dürfen. Bei vier Geschwistern vielleicht nicht einmal ungewöhnlich.

Ab und zu übernachtete Fabio bei mir, doch im Großen und Ganzen...

Ich war nun mal ein Einzelgänger. Daran hatte sich nichts geändert. Auch nach all den Jahren nicht.

Sicher - es existierte ein Freundeskreis, ja, und der war mir auch wichtig, aber im Grunde genügte ich mir allein vollauf.

 

Wieso wird so einer dann Koch und Hotelier?

In der Küche zu sechst, dann zwei im Service, einer im Empfang und dazu die Gäste...

Ich hatte es mir nun mal so ausgesucht. Beim Kochen stellte sich die Frage auch nicht. Es war exakt das, was ich wollte. Und was das Hoteliers-Dasein anging - da hatte es sich einfach so ergeben. Auf Grund meiner Liebe zu Santa Maria della Casella war ich bereit gewesen diese Option in kauf zu nehmen, denn ausschließlich durch den Restaurantbetrieb hätte ich die Anlage auf Dauer nicht halten können.

Zuallererst musste natürlich der Name weichen - zu lang, zu heilig. Ich wollte ja nicht dass meine Gäste zu mir, dem Atheisten, 'hinaufpilgerten'. Gott bewahre, keinesfalls. Also nannte ich es ganz klassisch 'Lauro’s'. Nach mir selbst eben. Schritt eins! Und schließlich, nachdem dies vollbracht war, fehlte mir eigentlich nur noch dies - ein guter Koch. Das war Schritt zwei. Ein Maître musste her. Jemand, der bereit war, das mit mir fortzusetzen, was ich in Fano einst voller Erwartungen begonnen hatte...



„Dir ist schon klar, dass das Ganze ziemlich schräg ist?” Sie sagte es mit jenem gewissen Lächeln, das ihren Worten trotzdem einen todernsten Anstrich verpasste.

„Ja, sicher. Doch was soll ich denn machen? Die Situation ist nun mal wie sie ist.”

„Wenn man es genau nimmt bezahlst du mich dafür, dass ich dein Boss bin. Wie soll das gehen?”

Ich schüttelte verneinend den Kopf. „Wenn man es wirklich ganz genau nimmt, dann zahle ich dafür, dass ich meine Ausbildung bei dir abschließen kann.”

„Und du meinst, das funktioniert?”

„Einen Versuch ist es doch wert, oder?”

Ich kannte Geraldina Chilamenti, Chili genannt, bislang nur durch einen gedehnten E-Mail Kontakt über eine Internet-Plattform, auf der sie ein Stellenprofil für eine Maître-Position in der Gastronomie hinterlassen hatte.

Sie suchte einen Job - ich einen Lehrmeister.

Chili war vier Jahre älter als ich, kam aus dem Tessin, hatte schon in einigen nennenswerten Restaurants der Italienischen Schweiz gekocht und suchte nach eigener Aussage eine Herausforderung.

Diese Herausforderung sollte nun, nach meiner ureigenen Vorstellung - ich - Luca Lauro sein, ihr Lehrling auf Zeit.

Chili beherrschte nach eigener Laudatio das breitgefächerte Küchen-ABC aus dem Effeff, schätzte den kreativen Moment und garantierte Teamgeist in jeder Lebenslage.

Was mich jedoch nachdrücklich überzeugt hatte, war das, was auf dem eingescannten Foto von ihr zu sehen war. Sicherlich, Äußerlichkeiten, aber was waren die vollmundig gepriesenen Verheißungen mehr als das?

Chili trug ihren Schädel rasiert, was zunächst erst einmal befremdlich klingen mag. Doch das wurde auf der Fotografie durch große, warm dreinblickende Augen, eine höchst aristokratische Nase und jenen kecken Zug um die Mundwinkel ergänzt, den ich in unbeobachteten Momenten früher selbst versucht hatte, vorm Spiegel hinzubekommen. Es mag abgedroschen klingen, aber beim Blick in diese Augen überkam mich urplötzlich ein Gefühl von Seelenverwandtschaft. Sie hatte etwas aus einer anderen Zeit an sich. Ihr Gesicht erinnerte mich an Gemälde, die ich vor Jahren während üblicher Schulexkursionen in der Nationalgalerie in Urbinos Palazzo Ducale betrachtet hatte. Es faszinierte mich.

Ein weiterer Pluspunkt, der mich für sie einnahm, war der, dass sie vor allem im Bereich der Feld und Teich-Küche zuhause war. Ich war gezielt auf Meer und Wald ausgebildet worden. Saibling, Forelle, Kaninchen und Wachtel gingen ihr so leicht von der Hand, wie mir Brasse und Hirsch.

„Wie kommt es, dass du deine Lehre nicht beendet hast? Ich meine, du bist gut im Geschäft und was ich sonst so von dir lesen konnte...”

Also begann ich ihr meine Geschichte zu erzählen.

Ich schilderte ihr, wie ich einst, nach einer wirklich üblen Auseinandersetzung mit meinem Vater in einer stürmischen Herbstnacht mein Zuhause und damit auch meine Küche verlassen hatte. Meine Eltern waren zu dieser Zeit nicht bereit gewesen mich so zu akzeptieren, wie ich nun mal bin. Das hatten sie mir überdeutlich zu verstehen gegeben - und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ich beschrieb Chili meine ersten selbstständigen Gehversuche, erzählte vom 'Gusto', meinem, aus dem Boden gestampften Catering-Service, durch den ich mir in Genova schon recht bald einen guten Ruf erkocht hatte. Ich beschrieb ihr jene Zeit in der ich als jüngster Fernsehkoch Europas mit 'Lucas Rezepte' kulinarische Geschichte geschrieben hatte und ich schloss damit, wie ich hier, auf 'meinem' Berg gelandet war, um mir einen Lebenstraum zu verwirklichen.

„Du bist ziemlich erfolgsverwöhnt”, stellte sie nüchtern fest.

„Ich bin auch ziemlich gut”, erwiderte ich selbstbewusst.

Ihre Augenbrauen wanderten überrascht in die Höhe. „Wozu dann die Ausbildung zu Ende führen? Du hast in wenigen Jahren mehr erreicht als andere in ihrem ganzen Leben. Und was kann ich dir da noch beibringen? Kochen kannst du ja wohl?”

„Ja! Aber ich kann keine Restaurantküche leiten. Soweit ist es nie gekommen. Ich will das Lernen und ich weiß, dass du das kannst. Ich darf nach dem Gesetz nicht ausbilden. Vielleicht ist es aber genau das was ich will.”

Ich schenkte Tee nach, den ich auf ihren Wunsch hin aufgebrüht hatte „Es geht um zwei Jahre. Wenn es nach mir geht, gerne auch um mehr. Und...” Ich schenkte mein schönstes Lächeln, „...man sagt mir nach, die Zusammenarbeit mit mir würde wirklich Spaß machen. Ehrlich...”

Ich weiß bis heute nicht, ob das nun der Ausschlaggebende Satz war, der ihre Zweifel beseitigt hatte, aber nach einem kurzen Zögern stimmte sie mit einem versteckten Grinsen zu - und schlug ein.

Die wichtigste Etappe war damit erreicht. Ich hatte nun einen Chefkoch und damit einen Meister. Der Rest, der würde sich schon von selbst ergeben...

 

Wie das Meer, an dem ich aufgewachsen bin, seinen eigenen Gesetzen folgt, so tut dieses auch der Wald.

Das dichte Blätterdach unter- und oberhalb des Klosters bildete ein einzigartiges Biotop welches klimatisch einem ständigen Wandel unterworfen war. Einem duftenden noch dazu.

Ich liebte es, ganz früh am Morgen, wenn noch alles schlief, barfuß über die angrenzende Wiese hin zum Waldrand zu laufen, mich auf den breiten kantigen Rand der alten Mauer zu setzen, meine, vom Morgentau feuchten Füße aneinander zu reiben, die Würze des Waldes einzuatmen und leicht fröstelnd meinen ersten Caffè zu trinken. Je nach Wetterlage standen dann häufig noch zarte Nebelschwaden oder tiefliegende Wolken zwischen den Wipfeln, die sich erst im Laufe des Vormittags ganz allmählich durch die steigenden Temperaturen wie flüchtiger Wasserdampf aufzulösen begannen.

Vor der Eröffnung des 'Lauro’s' war es mir noch möglich gewesen mein Ritual nackt durchzuführen. Damit war es nun natürlich vorbei.

Aber vor allen Anderen, den erwachenden Tag zu begrüßen, das hatte schon was. Nach wie vor...

Seit etwas über sieben Monaten lief der Betrieb im 'Lauro’s' mittlerweile. Darüber musste ich an diesem Morgen nachdenken und auch darüber, wie vertraut all dies inzwischen für mich war.

Es war feucht-kühl an diesem Tag und es roch nach Regen. Das konnte ich mittlerweile ganz gut einschätzen. Es war dann immer ein wenig so als hielt die Natur den Atem an um endlich, wenn der Niederschlag schließlich einsetzte, jeden Quent Feuchtigkeit in sich aufnehmen zu können.

Das, was dann im Anschluss an Düften und Aromen freigesetzt wird, übertrifft alles an Intensität was ich jemals zuvor erlebt habe. Wie ein ewiger hochkonzentrierter Frühling, nur viel, viel würziger, holziger, berauschender.

„Guten Morgen...!”

Ich wand mich um und erblickte einen kompakten, haarlosen Dicken der im marineblauen Bademantel, auf mich zusteuerte, dabei fröhlich mit einem Handtuch wedelnd. Es war der aus Zimmer vier: Ehepaar, eine Woche Halbpension, Sie - kein Fisch, Wanderurlaub. Ich nickte ihm zu und hob zur Begrüßung meinen Becher.

„Früher Vogel fängt den Wurm...”, ließ er mich wissen. „Einer der Köche, ja?”

„Stimmt...”

„Einwandfrei bisher”, lobte er bereitwillig, was mich irgendwie freute. „Bist aber früh auf. Wohnst hier wohl?”

Ich hatte mich daran gewöhnt, nach wie vor für 18 oder 19 gehalten zu werden.

„Ja, stimmt!”

„Muss schön sein, all dies hier auf Dauer erleben zu können. Die Natur, diese Ruhe hier...” Er zeichnete mit seiner kleinen, fleischigen Hand einen breiten Bogen über das Tal. „Heute soll’s über den Südhang gehen. Ordentliche Steigung. Sechs Stunden...”

„Da würd ich von abraten. Es wird Regen geben. Vielleicht auch ein Unwetter.”

„Ach...” Der Dicke sah skeptisch in den Himmel und dann besorgt zu mir. „...Ist das sicher?“

„Denke schon. Aber wenn sie sich für einen Ausflug an die Küste entscheiden bekommen sie davon nichts mit. Dort ist es auch sehr schön. Und sonnig.”

Er dankte mir für meinen Rat, verweilte noch einen Moment, verunsichert durch die neuen Informationen, trottete aber schließlich Richtung Haus zurück.

Ich sah ihm nach, trank einen Schluck und strich mir mein nasses Haar aus der Stirn, das nach der heißen Dusche hier draußen sofort auszukühlen begann.

Die Natur, die Ruhe - Nummer Vier hatte recht. Es war schon ein besonderer Ort, ein guter, intensiver. Und ich empfand es nach wie vor als Privileg hier leben zu dürfen.

Es hatte sich aber auch wirklich alles sehr gut ineinander gefügt. Besser als ich es zu Beginn für möglich gehalten hätte

Beispielsweise die Zusammenarbeit mit Chili. Sie hatte von Beginn an funktioniert.

Unsere Befürchtung, dass es ihr vielleicht tatsächlich nicht gelingen würde, ihre Rolle als Maître in meiner Küche auszufüllen, entpuppte sich als unbegründet. Das lag unter anderem daran dass ich mit zwei Maßnahmen dagegen steuerte. Zum einen überließ ich ihr ganz allein die Entscheidung für die Auswahl des restlichen Küchenpersonals. Zum zweiten zog ich mich die ersten sechs Wochen komplett zurück. Ich arbeitete, wenn überhaupt, dann nur im Hintergrund und keinesfalls in Bereichen, die die Küche berührten.

„Spinner...“, titulierte mich mein Freund Jack, als ich ihm am Telefon meine

Entscheidungen mitteilte. „...Und morgen bringst du ihr das Frühstück ans Bett?”

„Du verstehst das nicht. Sie muss Vertrauen zu mir fassen. Darum geht es.”

„Du bezahlst sie für das, was sie tut?”

„Natürlich.”

„Pünktlich?”

„Hä, ja natürlich. Wieso...?”

„Das, mein Herz, ist unter anderem ein Vertrauensbeweis. Vertragserfüllung nennt man das auch. Sie liefert, Schnuckiputzi zahlt. Soo macht man das in der freien Wirtschaft, Capice?”

Es hatte keinen Sinn mit ihm zu streiten. Ich kannte das zu genüge. Aber sein Rat war mir wichtig und nachdenklich stimmte er mich schon. Doch meine Vorgehensweise erschien für mich als der einzig gangbare Weg. Nur in dem ich von Beginn an Vertrauen aufbaute, konnte ich auch damit rechnen, dass sie mir selbst welches entgegenbringen würde.

Und tatsächlich: Obwohl ich Chili nun wirklich kaum kannte, hatte ich mich nicht in ihr getäuscht.

Die vierköpfige Küchencrew die sie eingestellt hatte, zum Beispiel: Sie passte.

Sandra und Orlando, ein Paar um die fünfzig, waren ihr als ein erfahrenes, eingespieltes Team empfohlen worden, eines, das die ganze Bandbreite der traditionellen italienischen Küche beherrschte und in der Gegend einen sehr guten Ruf genoss. Sie stammten aus dem benachbarten Casella und dort hatten sie jahrzehntelang in einem schön gelegenen Landgasthof gekocht. Die Locanda wurde jedoch urplötzlich vom Vater an den Sohn weitergereicht und Sandra und Orlando erhielten damit die Kündigung.

Die beiden hatten sich einst dort, an ihrem Arbeitsplatz, kennen und schließlich lieben gelernt. Sie hatten ihre Hochzeit dort gefeiert, erst die weiße, zuletzt die silberne und auch nach der Beerdigung ihres einzigen Sohnes trauerten sie dort, am Rande von Casella, in 'ihrem' Restaurant gemeinsam mit ihren Freunden um den Verlust.

Eine Geschichte, die für die Entscheidung des neuen Besitzers keine Rolle spielte. Es gab einfach keinen Platz mehr für Sandra und Orlando.

Dann Steffano und Pia: Sie bildeten genau das Gegenteil zu den beiden.

Zunächst einmal waren sie kein Paar. Und recht schnell wurde klar, dass sie auch nie eines werden würden. Aber: Sie waren jung. Auch Steffano und Pia stammten aus der Umgebung, aus Busalla. Viel entscheidender jedoch war, dass sie beide zuvor in der dortigen Markthalle gearbeitet hatten. Ein perspektivloser, harter, wenig lukrativer Job, der Zähigkeit und eine gewisse Bereitschaft erforderte, Dinge zu tun, für die Andere sich zu schade waren. Chilis Entscheidung für Pia und Steffano hatte zwei entscheidende Vorteile. Zum einen erwiesen sie sich als unendlich dankbar eine Chance wie diese, im Lauro’s zu bekommen, zum anderen kannten sie die Stände der Markthalle ganz genau. Chili wäre nie auf die Idee gekommen ohne Pia oder Steffano ihre Einkäufe zu erledigen und die Händler in Busalla wussten um die Bedeutung dieses Schachzugs. Die Ware, die wir verarbeiteten war zumindest immer von allererster Güte - sicher auch Dank der beiden.

Na, und dann Chili selbst: Was mir besonders gut gefiel, war der spürbare Schweizer Einschlag. Man kochte im Tessin eine Spur eleganter als hierzulande. Einen Hauch französischer, wenn man so wollte. Das hatte was.

Das Bouquet Garni wurde ebenso eingeführt wie die Verwendung von Noilly Prat und Pastis.

Eine Herangehensweise die ich während meiner hippen Nouvelle-Cuisine-Catering-Phase schätzen gelernt hatte.

Als ich dann schließlich, nach den geplanten sechs Wochen, dazustieß löste mein Erscheinen zunächst einmal absolute Verwunderung aus, denn sowohl Pia und Steffano als auch Sandra und Orlando wussten nicht, dass ich mit von der Partie war. Aber sie kannten mich. 'Lucas Rezepte' hatte seinerzeit eine Einschaltquote von durchschnittlich 9 Prozent, quer durch alle Altersgruppen. Dazu die Plakatierung, die Kochbücher und das Merchandising - klar, kannten sie mich.

Was sie jedoch noch mehr verblüffte war die Tatsache, dass ich meinen Platz als Lehrling einnahm. Das war für sie verkehrte Welt.

Also versuchte ich es ihnen zu erklären.

Und als Steffano nach zweieinhalb Stunden endlich fragte, wie das denn nun eigentlich sei, mit meinem linken Auge, da wusste ich dass das Eis gebrochen war.

„Es ist aus Glas”, gab ich bereitwillig zu. „...Ich hab es in fast allen Farben die man so kriegen kann.”

Die Zeit, in der ich ein Geheimnis um die Vielfarbigkeit meiner Augen machen musste war damit endgültig vorbei.

„Coool...”, entwich es ihm und fünf Augenpaare musterten fasziniert mein Gesicht.

Es würde mir Spaß machen mit ihnen zu arbeiten. Das war mehr als Hoffnung von meiner Seite, ich war mir fast schon sicher.

Und genau daran, an diese Szene, erinnerte ich mich an jenem nasskalten Morgen auf der alten Mauer, mit meinem Caffè in der Hand und den nassen, mittlerweile völlig ausgekühlten Haaren, die mir vom Duschen im Nacken klebten. Ich saß da, in der Gewissheit, dass mein Leben, welches seit sieben Monaten in aller Ruhe seinen stetigen Gang nahm, auf ewig so weiter laufen würde. Immer weiter, in aller Ruhe...

Ich ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass dieser Tag, der so beschaulich seinen Anfang genommen hatte, dass exakt dieser Tag mein ganzes Leben in andere Bahnen lenken sollte. Kaum merklich, zu Beginn, aber dann, ja, dann...



Der Regen kam...

Er kam mit aller Wucht und er dachte nicht daran seinen Fluss auch nur einen Moment zu unterbrechen. Okay - Regen kann nicht denken - das stimmt, aber ich habe es mir zu eigen gemacht Schlechtwetterperioden persönlich zu nehmen und aus einem solchen Blickwinkel heraus konnte er es eben doch.

Wir hatten sieben Reservierungen für den Abend, dazu acht Logis-Gäste, das machte elf Tische, also eine Menge zu tun, für uns.

Steffano und Pia hatten sich sehr gut eingearbeitet und Chili erwies sich nicht nur für mich als umsichtige Lehrmeisterin. Mit einer Engelsgeduld leitete sie die beiden an, brachte ihnen Kniffs und solides Handwerk bei, so dass sie bald nicht mehr nur zum Schälen, Schleppen, Schneiden und Säubern eingesetzt wurden sondern auch raffiniertere Tätigkeiten zugewiesen bekamen.

Vom richtigen Kochen waren die beiden noch weit entfernt, aber ich hatte nicht die geringsten Zweifel, dass Chili dafür Sorgen würde, dass es eines Tages dazu kam.

Wir hatten Flussbarsche auf der Karte, Lammkarree und Rehkeule. Die Pasta wurde an diesem Abend mit Hasenfleisch gefüllt oder im selben geschwenkt und als Suppe servierten wir Esskastanien-Espresso mit frisch gehobelten Trüffeln.

Der Fisch wurde mit geröstetem Buchweizen auf einer Zitronen-Butter-Sauce kredenzt, dass Lamm mit einer Bergkräuterkruste an Wirsinggemüse. Dazu selbstgebackenes Laugenbrot - va bene.

Sandra und Orlando arbeiteten eher still und konzentriert vor sich hin, sowie einander zu. Es machte Freude ihre geübten Hände zu beobachten, die Pastateig kneteten, Risotto rührten oder ihre Messer durch Fleisch und Gemüse führten. Chili hingegen war eher die Kommunikative von uns sechs. Und sie sprach nicht nur mit uns sondern auch mit den Dingen die sie umgaben, was zu Beginn mehr als irritierte.

“Du willst weg von hier?”, rief sie beispielsweise grimmig, was uns alle aufschrecken ließ. “Ha! Keine Chance. Jetzt bist du dran!” Und dann zerteilte sie eine Schalotte oder Rübe mit entschlossenem Schnitt. So halt.

Dennoch zweifelten wir keinen Augenblick an der Ernsthaftigkeit ihres Tuns und ihre Ausflüge ins Reich der Phantasie, wo Zwiebeln mit kurzen Beinen ausgeklügelte Fluchtgedanken hegten oder Pilze von selbst ihre Hüte lüpften, verblassten mit zunehmendem Arbeitspensum ganz von selbst.

Soweit die Küche.

Im Service arbeiteten Abend für Abend drei Kellner, wovon einer generell für die Vorbereitung der Getränke zuständig war.

Um deren Einstellung hatte ich mich seinerzeit selbst gekümmert und meine Wahl war auf eine Hand voll Studenten gefallen, die zwar in Genova Kunst studierten, aber aus Kostengründen weiterhin in den Bergen, bei ihren Familien lebten. Mein Bruder Lorenzo hatte sie mir vermittelt und ich war hochzufrieden mit ihnen.

Es gab nicht diesen oberaufwendigen rundum Service bei uns. Ich liebte es eher zwanglos bis rustikal, etwas, was auch ungelernte Kellner rasch zustande brachten. Das garantierte außerdem, dass eine ganz bestimmte Kundschaft wegblieb - die 'Brot-Zangen'. So bezeichnete ich jene Gäste, die nicht in der Lage waren, Kellnern oder Küchenpersonal auf Augenhöhe zu begegnen. Es gab genug, die genau das suchten, was wir bieten konnten. So hatte ich es mir immer gewünscht und - siehe da: Es funktionierte auch.

An diesem Abend arbeiteten Adalgiso, Beppe und Claudio, unser Stammteam. Wir nannten sie in der Küche unser 'ABC', was dann schon mal so klingen konnte:

„Was macht eigentlich unser ABC gerade?”

„Es dekantiert, steckt Kerzen auf und bügelt Servietten.”

„Ah, prima. Welches ist heute für den Wein zuständig.”

„Das B, wenn ich nicht irre.”

„Dann soll es sicherheitshalber ein paar Flaschen Brunello aus dem Keller holen, das hat das A gestern vergessen.”

„Geb´ ich so weiter...”

Solcherlei wurde uns von ihnen nicht übel genommen. Sie fanden es, glaube ich, sogar ganz witzig.

Gegen achtzehn Uhr waren dann schließlich die Tische fertig eingedeckt, die Leuchter bestückt und die Menü-Karten geschrieben, eine Arbeit die stets Orlando übernahm, einfach da er die schönste Handschrift von uns hatte.

„Kalligrafie...”, weihte er uns in sein Geheimnis ein. „Ich durfte als Kind immer die Heiligenbildchen in der Kirche für die Kommunionsfeierlichkeiten beschriften.” Seine Augen glänzten entrückt. Er hatte mein Mitgefühl.

Da sich auch zum Abend hin keine Wetterbesserung einstellte, ganz im Gegenteil, blieben drei der reservierten Tische unbesetzt. Viele unserer Gäste scheuten an solchen Tagen den Weg in die Berge. Verständlich, wenn man alternativ die Möglichkeit hatte, den Abend an der Küste zu verbringen, gänzlich trocken, Meerblick plus Sonnenuntergang inklusive.

Der Regen rann in Bächen die Scheiben hinab und die beleuchtete Außenterrasse gab ein beklemmend, jammervolles Bild von Verlassenheit wieder. 'Tristesse' traf es wohl am besten.

Genau dies dachte ich, als mein Blick versonnen durch das alte Steinbogenfenster nach draußen, in den Garten fiel.

„Die Kräuterkruste wandert nicht von selbst auf‘s Lamm, Luca...”

„...‘tschuldigung...” Ich schrak aus meinen Gedanken und widmete mich wieder dem Fleisch, das vor mir auf einem Brett darauf wartete, mit meiner Bergkräuterpaste bestrichen zu werden.

Alleine schon für dieses Lammcarree lohnte sich der umständliche Weg hier rauf zu uns, ganz gleich bei welchem Wetter, beschloss ich grimmig. Und die Rehkeule erst...

Diese befand sich unter der sorgsamen Obhut von Sandra, die als Urgestein der hiesigen Bergregion Wildzubereitung mit der Muttermilch eingesogen hatte.

Dieses Können, gepaart mit der Verfeinerungstaktik Chilis, schuf ungemein köstliche Kreationen, die gerade dabei waren uns einen ganz eigenen ausgezeichneten Ruf am kulinarischen Firmament der Region Genova einzubringen.

Und das, genau das war es, wovon ich schon immer geträumt hatte. Ein gut laufendes Restaurant, welches für seine Gäste vor allem eines war - ein Ort, zu dem es sie wie magisch hinzog.

Von mehr hatte ich nie geträumt. Mehr Raum gab es in meiner Vorstellung auch gar nicht. Und nun war ich auf dem besten Weg dahin, genau das zu erreichen. Ich war nicht nur zufrieden, ich war glücklich damit, wie es jetzt war.

2.


„Da will dich jemand sprechen...”

„...Ein Gast?”

Claudio trank einen großen Schluck von dem Wasser, das auf der Anrichte für den Service zur Verfügung stand, griff sich dann drei servierbereite Teller und hob unschlüssig die Schultern. ...Privat, wenn du mich fragst! Es ist wichtig, sagt er. Hab ihn hier aber noch nie gesehen... Zweimal Lamm, einmal die Barsche und für die Fünf dreimal die Pappardelle... Hab ihn an Tisch zwölf gesetzt...” Und damit verschwand er wieder durch die Schwingtür, durch die er gekommen war.

Besuch war etwas seltenes und wenn, dann kündigte er sich in der Regel vorher an. Irritierend...

Ich legte mein Messer zur Seite und suchte Blickkontakt mit Chili.

„...Ist schon okay, wir kommen klar. Geh ruhig...”

Da die meisten Bestellungen draußen oder in Arbeit waren konnten sie tatsächlich gut auf mich verzichten. Ich warf ihr ein dankbares Lächeln zu, wusch meine Hände und hängte meine Kappe an einen der Haken neben dem Waschbecken.

Besuch - das war mittlerweile fast ein Fremdwort für mich. Also war ich neugierig, wer denn den Weg hier hoch zu mir gefunden hatte und vor allem - warum? Denn klar war: Jeder, mit dem ich sonst so rechnen konnte, hätte mit Sicherheit eine andere Tageszeit gewählt, als ausgerechnet den Abend. Mit mir traf man sich am besten zum zweiten Frühstück. So war das nun mal.

Und als ich schließlich Tisch zwölf ansteuerte half mir auch der Hinterkopf, den ich von weitem sehen konnte, nicht weiter. Männlich, um die zwanzig, gepflegtes glattes hellbraunes Haar, schulterlang – unbekannt.

Claudio hatte den richtigen Tisch gewählt, denn die Zwölf konnte ich problemlos von der Küche aus erreichen ohne das Restaurant durchqueren zu müssen. Alle hier wussten dass mir das wichtig war, denn alles andere hätte bedeutet, mich neugierigen Blicken und nervenden Fragen aussetzen zu müssen. So schlängelte ich mich einfach unerkannt am Geschehen vorbei.

Als ich mich dem Tisch jedoch näherte, der Hinterkopf mehr und mehr an Kontur gewann, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Ganz diffus. Da war etwas vage bekanntes, nur so eine Ahnung aber das, was ich damit verband, verhieß nichts Gutes.

Was sich dann voll und ganz bestätigte als ich ihm gegenüber stand.

„Hallo Luca...”

Dank meiner Vorahnung fing ich mich sofort wieder.

„Daniele...”

Eigentlich kannten wir uns gar nicht. Wir hatten in der Vergangenheit vielleicht gerade mal zwei oder drei belanglose Sätze miteinander gewechselt. Und doch verband ich mit diesem vollendet ebenmäßigen Gesicht, dieser stets eleganten Erscheinung und seiner, ihm ureigenen Anmut, nur üble Erinnerungen und Verlust.

„Hast du einen Moment für mich?” Er lächelte vorsichtig als er das fragte musterte mich aber mit enorm ruhigem Blick.

Ich setzte mich ihm gegenüber, zögerlich nickend. „Einen Moment, ja. Die Zeit ist ungünstig...”

„Es ist schön hier...” Sein Blick wanderte sanft durch den Raum auf die Terrasse hinaus, nur eine Spur fahrig, so als suche er nach etwas bestimmten. Ehe ich etwas erwidern konnte steuerte Claudio auf unseren Tisch zu, servierte Daniele ein Glas Weißwein und wandte sich mit fragendem Blick zu mir.

„Einen Tomatensaft, scharf angemacht. Chili weiß, wie ich ihn mag...”

„Wirklich schön...”, setzte Daniele leise nach, ohne Claudio dabei aus den Augen zu lassen, der in Richtung Küche unterwegs war, um mir meinen Wunsch zu erfüllen.

„Was also willst du hier?”

„Dich um etwas bitten.”

Nun war ich erstaunt. Zum einen, da ich mir wirklich nicht vorstellen konnte, was gerade ich für ihn tun konnte, zum anderen, wie er darauf kam, dass ich überhaupt dazu bereit sein würde, ihm meine Hand zu reichen, geschweige denn, ihm einem Wunsch zu erfüllen.

„Er ist mir abhanden gekommen...”, eröffnete Daniele zusammenhanglos, ohne sich durch meinen überraschten Gesichtsausdruck irritieren zu lassen, „...und ich hätte ihn, wenn möglich, gerne wieder zurück, verstehst du...?“

Dabei lächelte er eigenartig anziehend, trank einen Schluck Wein und strich sich eine glatte Strähne hinter sein rechtes Ohr. „Hey, gut, der Vernaccia...“ und dann nach einem kurzen Moment, „Ist er hier, bei dir?”

Ich war verwirrt. “Was redest du da, Daniele? Und, nein, ist er nicht!” Ich wusste von wem er sprach. Er war das einzige, was ihn und mich verband. „Ist alles in Ordnung mit ihm?“, fragte ich daher besorgt.

„Ich weiß es doch nicht...“, Sein Blick huschte leicht entrückt über den Tisch. „Sonst wäre ich ja auch nicht hier, nicht wahr? Aber ich hoffe so sehr, es geht ihm gut...?“ Und erneut flammte sein Lächeln auf, flackernd irgendwie. „...Oder?”

Ich nickte hilfesuchend dem herannahenden Claudio zu, während ich fieberhaft versuchte zu verstehen, was das hier gerade sollte.

„Ist alles in Ordnung mit dir?“, fragte ich verunsichert.

„Was für eine liebe Frage, Luca. Nein, sicher nicht. Ich bin ziemlich durch den Wind. Alte Zeiten, weißt du? Aber darum geht es doch auch gar nicht. Es geht wirklich überhaupt nicht um mich. Aber um ihn, verstehst du? Es ist wichtig, dass er wieder da ist. Verstehst du?”

„Er wird dich einfach verlassen haben...”

„Oh, nein!“ Er wirkte ehrlich bestürzt „Das glaube ich nicht. Wozu?”

„Wozu?” Ich wich zurück, als er sich etwas nach vorne beugte. „Na, wozu verlässt man jemanden? Vielleicht fühlte er sich in deiner Nähe nicht mehr wohl. Ist das so undenkbar für dich?”

„Warum so feindselig? Ich hab dir doch nun wirklich nichts getan!” Er stellte sein Glas wieder ab, und sah mich mit diesem eigenartigen Flackern aus seinen irritierend hellen, braungrünen Augen an. Verschwunden war immerhin das Lächeln. „Es ist alles so gekommen, wie es gekommen ist. Daran kann ich jetzt nichts mehr Ändern. Aber ich wusste damals doch nicht mal von deiner Existenz. Zumindest nicht im Zusammenhang mit ihm. Das glaubst du mir doch...?”

Das tat ich sogar. Und tatsächlich gab es auch wirklich keinen plausiblen Grund ihm Vorwürfe zu machen. Aber alles an seiner Art, seinem Auftreten ließ meine inneren Alarmglocken schrillen. Dieses Gespräch mochte aus der Ferne betrachtet vielleicht ganz normal wirken, im direkten Kontakt nahm es jedoch äußerst schräge Züge an.

„Um deine Frage zu beantworten...“, fuhr er fort, „Nein - eigentlich denke ich nicht, dass er sich unwohl mit mir gefühlt hat. Ein bisschen vielleicht, weil... Autsch...“ Er unterbrach sich selbst, als biss er sich innerlich auf die Lippe und lächelte dünn in sich hinein. „...Aber dann hätte er doch etwas gesagt, oder nicht?“

„Das hätte er vermutlich, stimmt“, pflichtete ich ihm bei, ratlos und immer verwirrter. „ Aber was erwartest du nun von mir?“

„Ich möchte dich einfach nur bitten, dass du dich bei mir meldest, wenn du etwas von ihm hörst. Würdest du das für mich tun?“

Ich sagte nichts dazu, nickte aber verhalten in seine Richtung.

„Danke! Ach, und dann wäre da noch etwas...“

„Ja?“ Eine Stimmveränderung ließ mich wachsam werden.

„...Du hast dich damals, beim Kauf des L'amo, mit einigen vertraglichen Rechten abgesichert. Ich möchte dich bitten, darüber mit mir zu sprechen, weißt du! Mehr will ich jetzt gar nicht dazu sagen.“ Als ich etwas darauf erwidern wollte, schnitt seine Hand geschmeidig durch die Luft. „Ne, nee, nicht jetzt... Aber wie wär das? Wir setzen uns zusammen, in Ruhe, und wir reden miteinander?” Ein kurzes Augenschließen, dann blies er seltsamerweise in sein Glas, trank es in einem Zuge leer, hängte noch ein, „Das fänd' ich wirklich schön... glaube ich...“, an und lächelte wieder sein fernes Lächeln. Schließlich zog er aus einer Brieftasche einen säuberlich gefalteten zehn Euro Schein, legte ihn auf den Tisch und stand mit einer fließenden Bewegung auf.

„...Ich möchte wirklich, dass du verstehst, was ich will und warum. Egal, was du jetzt denkst. Ich will aber dass du es verstehst... Luca... Ja, genau...!”

Und damit wandte sich zum Gehen, verließ, ohne sich noch einmal umzublicken das Lauro’s und verschwand in die stürmische Nacht hinaus.


Als Shiro mich verlassen hatte, lautete der Grund: Daniele.

Und ich konnte es sogar verstehen.

Die beiden waren auseinandergerissen worden, von Eltern, die sich exakt so verhalten hatten, wie es gut ein Jahr später die meinen getan hatten: Verständnislos, allwissend, und im Hinblick auf die Zukunft ihrer Zöglinge unnachgiebig. Sie besaßen die Macht zu unterbinden - also taten sie es. Mit all den damit verbundenen Konsequenzen.

Shiro wurde aus dem Dunstkreis Danieles entfernt und so dem meinen zugeführt. Elterliche Gewalt eben. Schicksal...

Das ein Wiedersehen der beiden schon bald in dem Wunsch gipfelte, all das, was ihnen bis dahin versagt geblieben war, auszuleben, war da nur nachvollziehbar. Auch für mich, der ich die Konsequenzen zu tragen hatte.

Das machte es jedoch nicht einfacher. Ich war zutiefst verletzt. Die beiden hatten mir einen Schlag versetzt, der noch bis heute schmerzte. Denn Shiro war auf eine ganz gewisse, kostbare, wundervolle Weise alles für mich gewesen.

Nie zuvor war da jemand gewesen, der mir erlaubt hatte, die Welt durch seine Augen zu sehen, ohne Hintergedanken, ohne mich damit fangen zu wollen. Mein Vater hatte Visionen für mich erschaffen, die ausschließlich seinen Idealen entsprachen. Und meine Mutter: Ihr Versuch, mein Weltbild christlich zu prägen hatte nur Wut und Unsicherheit in mir erzeugt.

Shiro jedoch, zeigte mir seine Welt. Er ließ mich in seinen 'Garten', erlaubte es mir dort zu wandeln, in ihm spielen und wenn mir danach war, dann durfte ich ihn auch einfach wieder verlassen. Es gab keine Bedingungen, keine Zwänge, Forderungen Erwartungen... Ich war frei...

All dies hatten sie mir genommen.

Shiro, aber auch Daniele. Ihre Spielregeln eben... Freiheit...

Und auch wenn ich es irgendwie verstand, darüber hinweg war ich noch nicht. Ich war - ich.

Danieles Besuch alarmierte mich.

Etwas war aus den Fugen geraten und sein eigenartiger Auftritt bot Anlass zur Sorge, ganz zu schweigen von den Fragen, die er aufwarf. Fragen, die ich beantwortet wissen wollte...


Zunächst mal bat ich bei Chili um eine Auszeit, die sie mir auch ohne Nachfrage gewährte. Claudio hatte wohl schon berichtet, dass es mit meinem 'Besuch' schräg gelaufen sein musste. Zumindest interpretierte ich das in die Blicke, die mich in der Küche trafen.

Ich holte mir eine Flasche Roten aus dem Keller, verzog mich nach oben, in meine Etage, setzte mich an meinen Tisch, sah ins verregnete Dunkel der Nacht und dachte nach.

Was war da gerade vorgefallen?

Nichts gutes, so viel war sicher.

Zwei Dinge waren es, die mich nicht losließen. Zum einen Shiros verschwinden. Da hatte Daniele ganz recht: Es entsprach einfach nicht seiner Art, dies so sang und klanglos zu tun. Und zweitens natürlich der schräge Auftritt von ihm selbst. Ich kannte Daniele zwar nicht gut genug um sagen zu können, ob er sich ansonsten anders verhielt, aber ich ging doch sehr stark davon aus.

Seine Art zu sprechen war ja zum verrückt werden – das hielt doch keiner lange aus. Und was war das mit dem L'amo? Wovon redete der da? Ich hatte die Bar seinerzeit gekauft um Shiro etwas zu geben, das ihn beschäftigte, sein Leben mit Inhalt füllte. Das hatte er damals so sehr vermisst. Aber daran waren keine Bedingungen geknüpft gewesen. Das L'amo sollte ihm gehören. Etwas eigenes, so die Idee...

Was hatte nun auf einmal Daniele damit zu tun? Was sollte das Gerede von vertraglichen Rechten?

Ich öffnete das Fenster, griff mir eine Zigarette und rauchte in tiefen Zügen, während sich mein Blick nach innen kehrte.

Warum tauchten diese Gespenster gerade jetzt auf.

Es ging mir gut. Endlich ging es mir mal richtig gut...

 

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