Jobst Mahrenholz
Autor

Hier seht ihr einen Schauplatz aus 'Lucas Rezepte'

Fano Web Cam

 

 

Ich mochte den Geschmack von Blut schon immer: metallisch,    mineralisch, ausgewogen rund, mit einer feinen, ganz eigenen    Säure. Großartige Saucenrezepte leben davon, kräftige Würste erhalten dadurch ihr ganz charakteristisches Aroma, und wer ein Filetsteak schon mal 'well done' zu sich nehmen musste, weiß, was ich meine... Als ich vor dem Spiegel in meinem Zimmer stand und mir mit dem Handrücken das Blut von meiner aufgeplatzten Oberlippe wischte, dachte ich darüber jedoch ganz anders. Ein kräftiger Schlag meines Vaters hatte die Verletzung verursacht.

Diese und andere.

Vorausgegangen war ein Streit, oder vielmehr ein Angriff, dessen Auswirkungen für mich noch nicht abzusehen waren.

Was in diesem Moment aber tatsächlich Schmerzen verursachte, saß tiefer, hatte nichts mit Blut oder einer aufgeplatzten Lippe zu tun. All jene Verletzungen, welche man nicht sehen kann, die taten weh: die wenigen Worte, die gefallen waren, die Blicke, die Anschuldigungen und Demütigungen. Doch vor allem die Blicke, die waren das Schlimmste...

Ich heulte vor Wut.

Was sollte ich nun tun? Was konnte ich tun?

So wie es aussah: nichts.

Ich hatte keine Familie mehr.

Zumindest keine Eltern...

 

1.

 

»Nacht, Kleiner... wird Zeit.«

»Nacht, Matteo.«

»Du bleibst noch?«

Ich wies auf mein Messer. »Bin hellwach...«

»War ein großer Tag! Musst aber morgen früh raus!«

»Schon klar...«

»Na dann...«

Er strich mir kurz über den Kopf, lachte still in sich hinein, und dann verschwand er durch die Tür zum Hof. Wie jeden Abend stieg er die gemauerte Außentreppe zu seiner Wohnung hinauf und löschte dann, mit dem leisen 'Klack' des alten Drehschalters, das Außenlicht.

Ich sah auf meinen Schoß, und da lag es.

Das Messer...

Behutsam balancierte ich es auf meinen Fingerrücken aus, fuhr mit meinem Daumen vorsichtig über die Schneide und konnte mich nicht satt daran sehen. Mann, wie sauber das Heft in die Klinge mündete.

Das war mein Messer.

Und nun war ich allein. Endlich.

Antonio hatte es mir am Morgen überreicht, feierlich, wie es der Brauch war. Im Kreis der Familie.

Zuerst eine kleine, stolze Rede. Sie gehörte stets an den Anfang des Zeremoniells, und dann...

Ich erinnerte mich noch gut daran, wie vor vier Jahren mein Bruder Tomaso an der Reihe gewesen war.

Die Rede, das Glas Vin Santo, das Messer, und dann - der Applaus.

Genau so hatte mein Großvater Matteo diesen Ritus einst ins Leben gerufen, und genau so hatte mein Vater ihn danach übernommen.

Ja, und nun - nun war ich dran: Ich, Luca Lauro, der Viert-Geborene. Ich folgte jetzt, von dieser Stunde an, eben jener Tradition - und würde kochen.

Gut kochen!

Alle hatten sie im Kreis um mich herum gestanden, meine Geschwister Tomaso, Rebecca, Lorenzo und Anna, meine Eltern und Matteo. Und sie alle hatten gespannt auf meine Reaktion gewartet. Sie hatten gelächelt, mir zugenickt, mir die Daumen gedrückt, während Antonio seine Worte an mich richtete und dann, endlich, in dem Moment, als ich das Messer mit beiden Händen und einem erwartungsvollen Lächeln von meinem Vater entgegennahm, da applaudierten sie. Mein Applaus...

Antonio hatte es anfertigen lassen, das Messer, von Pietro Carfagna aus Urbino, und ich wusste - es gab weit und breit keinen besseren dafür.

Nun, neun Stunden später, saß ich also alleine in der Küche - mit jenem Messer.

Es war spät geworden. Die anderen waren entweder zu Bett gegangen oder befanden sich noch im Restaurant, redeten und tranken Wein. Bis auf Rebecca. Sie war mit der Abrechnung beschäftigt, das wusste ich.

Ich genoss den Moment.

Eine einzelne Lampe über dem Pasta-Tisch warf ein weiches, warmes Licht, das sich so völlig von den taghellen Neonröhren unterschied, die sonst die Arbeitsflächen, Herde und Öfen ausleuchteten.

Die Stahltische waren penibel gereinigt, alles stand an seinem Platz, die Arbeitsflächen blitzen wie jede Nacht, und immer noch lag ein feiner Duft von Gebratenem in der Luft. Ich griff zu einem Glas Rotwein, das neben mir auf der Spüle stand, prostete ins Leere und nahm einen Schluck.

Mein 16. Geburtstag lag drei Monate zurück.

Natürlich kannte ich die Küche von Kindheit an, hatte immer schon mitgearbeitet und gekocht, wenn es erforderlich war, aber dieser Tag - der Einstieg in meinen Beruf - bedeutete mir so viel mehr.

All die Töpfe, Kasserollen, die Siebe und Pfannen, Schaumlöffel, Schöpfkellen und Rührlöffel, der Grill, die Pastamaschine, die Scheren und Schneidewerkzeuge, Austernmesser, Trüffelhobel, all sie gehörten nun bald ganz zu meinem Leben, hingen und lagen nicht mehr unerreichbar an Haken oder in Schubladen.

Nicht mehr lange, und ich konnte über sie verfügen, mit ihnen umgehen, und dann mit ihnen die großartigsten Gerichte herstellen. Risotto mit Barolo, Vongole oder Fenchel, getrüffelte Pasta, Orangenlasagne, Fischsuppe, Anchoviscreme, elegante Saucen und rustikale Fleischgerichte, Meeresfrüchteplatten oder geschmorten Fasan. Terrinen und Pasteten - all dies würde unter meinen Händen Gestalt annehmen. Gestalt und Geschmack.

Aus Kinderhänden werden nun die eines Kochs – das war jener Satz gewesen, den Antonio als Einleitung für seine Rede gewählt hatte. Das mit dem 'Kind' sah ich ihm nach.

Ich hatte nun mein Messer. Es war Beleg für das, was er meinte. Und dies war die Hauptsache.

Ich war glücklich.

 

Unser Restaurant befand sich im alten Kern von Fano an der Via Novli. Was uns von vielen anderen Restaurants unterschied, war, dass wir auf eine lange Tradition und einen sehr guten Ruf bauen konnten. Darauf waren wir natürlich stolz.

Hauptsächlich verdanken wir dies meinem grandiosen Großvater Matteo. Er hatte das Kochen von Frederico D’Agosta erlernt, einem Maître aus dem Landesinneren, den seine Liebe zum Meer an die Küste verschlagen hatte. Matteo war damals gerade mal 17 Jahre alt, als er sich eine Lehrstelle in D'Agostas Küche erbettelte.

Mein Großvater, ungestüm, randvoll mit Leidenschaft und Hingabe in dem, was er tat, ging D’Agosta, dem abgeklärten, hochprofessionellen Koch irgendwann wohl so auf die Nerven, dass dieser ihm schließlich eine Probezeit bewilligte. Sie wagten den Versuch miteinander – und das Experiment gelang.

D’Agosta war ein klar strukturierter Koch, der sein Handwerk verstand. Was aber noch viel wichtiger war - er war enorm kreativ, immer auf der Suche nach Impulsen.

Überlieferte Rezepte, die zwar recht schmackhaft waren, aber schlicht bis grob in ihrer Struktur, modernisierte er behutsam bis radikal.

Klassische Zutaten, wie Käse und Sahne, wurden von ihm gerne durch Frucht und Wein ergänzt oder ganz ersetzt. Er entwickelte Beizen und Marinaden, die die Aromen bei der Fleischzubereitung hervorhoben oder sie teils neu definierten. Dadurch schuf er einen Kosmos an Geschmacksvielfalt, der so überraschend und so reichhaltig war, dass unser Restaurant noch heute davon profitierte.

Gerade beim Fleisch entwickelte D’Agosta unglaubliche Rezepturen. Und diese gab er stets an meinen damals noch jungen Großvater weiter.

Beim Fisch allerdings, da fehlte ihm der Zugang - er kam nun mal aus dem Landesinneren - und so wurde Matteo in diesem Bereich für D’Agosta bald unentbehrlich. Matteo liebte das Meer, mit allem, was es beinhaltete. Und er konnte es vor allem zubereiten.

Aus der Zusammenarbeit entwickelte sich Freundschaft und nach rund 20 Jahren wurden sie gleichwertige Geschäftspartner. Und das, obwohl die finanziellen Mittel beinahe ausschließlich von D’Agosta stammten.

Meine Familie hat diesem großen Koch unendlich viel zu verdanken.

 

Frederico D’Agosta starb mit 62 Jahren.

Er hatte sich durch Unachtsamkeit an einem Seeigel verletzt und die daraus entstandene Entzündung als nicht ernst abgetan. Man versuchte noch, ihn durch die Amputation seiner rechten Hand zu retten, aber da war es schon zu spät. Das Gift hatte seinen Körper bereits zu sehr geschwächt.

D’Agosta und seine Sehnsucht zum Meer - sie war ihm schließlich zum Verhängnis geworden.

Matteo bekam das Restaurant - so sah es ein Vertrag vor - und auch den Rest von D’Agostas Hab und Gut. So war es sein Wunsch gewesen.

Als dann das Altstadthaus des Fabrikanten Russo in der Via Novli zum Verkauf stand, gab es für Matteo kein Halten mehr.

Sein Konto war gut gefüllt und die Lage einfach traumhaft. Der schlicht gehaltene Bau war in einen wohltuend klaren, ruhigen und im Sommer kühlenden Patio eingebettet, den man durch einen einladenden Torbogen erreichen konnte. Und auch die inneren Dimensionen der Räume entsprachen exakt seinen Vorstellungen.

Eine Goldgrube, da war er sich sicher.

»Wir - die Lauros - sind das gastronomische Gewissen Fanos«, pflegt er bis heute zu sagen und verteufelt damit die unzähligen Touristen-Restaurants, die sich mit ihrem nahezu identischen Angebot zu überhöhten Preisen die Strandpromenade entlang ziehen.

Also siedelte unsere Familie vom Ortsrand an der Küste in die Altstadt von Fano, eröffnete nach monatelangen Umbauten ihr eigenes Restaurant und lebte seitdem in den sechs Räumen darüber.

Beim Namen des Restaurants gab es nicht einen Moment irgendwelche Zweifel. Matteo nannte es schlicht - 'D’Agosta'.

Zu Ehren und in Erinnerung an den großen Koch und Freund, dem meine Familie so viel zu verdanken hat.

 

»Zitronenpesto! Du weißt, was du dafür brauchst?«

Klar wusste ich das.

»Rosmarin, Zitronenschale, Olivenöl, Pinienkerne, Knoblauch und Parmesan«, lautete meine Antwort und ich musste dabei lächeln, weil mein Bruder, nun, wo wir beide in der Küche arbeiteten, sich so ganz anders verhielt als sonst. Irgendwie ernster.

»Richtig! Bei einem Drittel lässt du den Parmesan und die Pinienkerne weg. Das nehmen wir dann für die Füllung. Der Rest ergibt eine schöne Kruste.«

Tomaso schob mir die Zutaten hin und widmete sich wieder ganz dem Fisch.

Tomaso: mein ältester Bruder. Ein Riese mit kastanienbraunem kurzem Haar, einem ordentlichen Bauchansatz, gegen den er aussichtslose Kämpfe führte, und einer Stimme die eigentlich etwas zu hoch für seine Statur geraten war.

Geübt öffnete er die Brassen, nahm sie mit wenigen Handgriffen aus und legte sie in eine Stahlschüssel, um sie im Anschluss zu entschuppen. Eine grobe Arbeit, die eigentlich eher einem Lehrling wie mir zustand als einem fertigen Koch.

Aber es war nicht so, dass ich das nicht konnte. Ich hatte schon unzählige Fische ausgenommen und gesäubert. Das war der Vorteil, wenn man in einem Restaurant aufwuchs, oder der Nachteil, je nachdem. Natürlich begann ich nicht bei Null: klar konnte ich Kartoffeln schälen, Gemüse zu Julienne trimmen oder Rosenkohl putzen. Das Rupfen eines Huhns war mir ebenso vertraut wie das Abbalgen eines Hasen. Auch einen Großteil unserer Rezepte hatte ich schon verinnerlicht.

Und genau aus diesem Grund gab mir Tomaso das Pesto und nicht den Fisch.

Timing war das, was ich nun vor allem lernen musste. Zu wissen, wann welcher Gang eines Menüs raus musste und das bei vierundzwanzig voll besetzten Tischen mit je vier bis sechs Personen. Darin lag die Kunst.

Ruhe zu bewahren, Routine zu entwickeln und auf Unvorhergesehenes gelassen zu reagieren - das war es, worauf es ankam.

Vorausschauendes Kochen nannte Antonio das. Und es klang bei ihm so: »Was hast du schon getan? Was musst du jetzt tun? Und was wirst du gleich noch tun? Kochen ist ein großes ganzes, Luca! Du darfst nichts aus den Augen verlieren. Niemals! Rein gar nichts! Nicht den Fond, der auf dem Herd reduziert, die Filets, die punktgenau aus der Pfanne müssen, und auch nicht das Topping, was dein Gericht vollenden wird...« Zum Abschluss schickte er dann gerne noch ein »Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, denk dran!« hinterher, bei dem es verdammt schwer war, sich ein Grinsen zu verkneifen.

Nun also begann ich damit, Zesten von den Zitronen abzuziehen, ganz vorsichtig, um nur die feinen Öl- und nicht die Bitterstoffe der Schale zu gewinnen. Fein gehackter Rosmarin, gewürfelter Knoblauch, all diese Zutaten wurden in einem großen Steinmörser zu einer aromatisch duftenden Paste zerrieben. Da beim ersten Drittel der Parmesan wegfiel, gab ich noch etwas Meersalz hinzu, um die fehlende Abrundung zu ersetzen.

Später dann würde dieser Teil mit der Zugabe von Petersilie und etwas Olivenöl in den Bauch der Brassen wandern. Das Pesto mit dem Parmesan und den Pinienkernen kam als Tapenade obenauf und bildete dann unter dem Grill eine frische, herrlich duftende Kruste. Ein leichter Salat dazu - va bene!

 

Dass es Tomaso war, der mich anlernte, fand ich gut.

Ich war sozusagen sein erster Lehrling. Ich spürte, wie er sich bemühte, mich gerecht zu behandeln. Vermutlich erinnerte er sich noch sehr genau an die Zeit, als er selbst begonnen hatte, in der Küche zu arbeiten - unter den Stimmungsschwankungen unseres Vaters.

Tomaso lobte, wenn ich etwas gut erledigt hatte oder aber er erklärte mir genau, was ich ändern müsse, wenn dem mal nicht so war.

Unser Vater war da anders. Antonio übte gerne Druck aus, und er verlangte gerade von uns, seinen Söhnen, alles. Na ja, zumindest mehr als von Gino und Pietro, unseren zwei Köchen, die nicht zur Familie gehörten und die für ihre Arbeit voll bezahlt wurden. Gino und Pietro bekamen weit weniger Launen und Breitseiten verpasst als Tomaso und ich, was uns irgendwie zu Verbündeten machte, in dieser Zeit.

Überhaupt merkte ich, dass sich das Verhältnis zu meiner Familie durch meinen neuen Küchenstatus veränderte.

Es kam mir so vor, als würde Tomaso mich tatsächlich das erste Mal so richtig wahrnehmen.

Er war jetzt 22 Jahre alt, und so waren wir vom Alter her zu weit auseinander gewesen, um etwas miteinander anfangen zu können.

Doch jetzt, jetzt begann er auf einmal mit mir zu sprechen. Er stellte fest, dass ich in vielerlei Hinsicht mitreden konnte.

Aber auch mein Vater sah mich nun offenkundig mit anderen Augen.

Sein Blick wurde auf einmal wachsamer, forschender mir gegenüber. Neu war, dass er mir Fragen stellte, deren Antworten ihn auch tatsächlich zu interessieren schienen. Meist ging es dabei natürlich um die Küche, aber das war ja nun auch das, was uns verband.

Es war allerdings auch das Einzige, wie sich bald zeigen sollte...

 

»Wir bekommen Zuwachs...«

Antonio hatte uns alle zusammengerufen. Also saßen wir am Morgen im Restaurant, zwischen hochgestellten Stühlen und warteten, was er uns zu sagen hatte. Ein schmaler Streifen Sonne fiel durch das linke Vorderfenster und man sah den Staub im Licht tanzen.

Antonio war am Abend zuvor von einer Reise aus dem Landesinneren zurückgekehrt und strahlte jetzt über das ganze Gesicht. All unsere Blicke, von ratlos bis fasziniert, wanderten zu unserer Mutter. Die aber, schüttelte irritiert den Kopf.

»Nein, nein, nicht wie ihr denkt. Nein!« Er lachte. »Nicht die Familie wächst. Wir bekommen einen neuen Lehrling, den wir zum Jungkoch ausbilden werden...«

Ich war sprachlos. Was sollte das jetzt?

Gerade mal drei Monate war es her, dass ich mit meiner Arbeit begonnen hatte und nun? Schon wieder ein Lehrling? Wir kamen super zurecht. Was sollte da ein Neuer?

»Wieso?«, fragte ich daher.

»Ihr kennt doch Alessandro Comero aus Perugia...«, begann Antonio, und seine Stimmlage verriet uns, dass jetzt eine seiner ausschweifenden Geschichten folgte. Wir nickten ergeben, aber in meinem Kopf überschlugen sich die Fragen.

»Nun...«, begann er, »Alessandro stammt ja ursprünglich aus Fano. Wie ihr wisst, lebte er ja früher mit seiner alten Mutter an der Ausfallstraße, die Richtung Urbino führt. Sie hatten da einen kleinen Hof. Ein paar Schafe, Ziegen, so halt...«

Es folgte eine umfassende Schilderung der Lebensumstände von Alessandro Comero und seiner Mutter. Über Umwege erfuhren wir dann von seiner Abwanderung gen Süden und schließlich von der überstürzten Eheschließung mit einer japanischen Einwanderin Mitte der 80’er Jahre.

Ab hier schien die Geschichte endlich interessant zu werden. Denn zum einen gelangte Alessandro Comero zu einigem Wohlstand, was er wohl vor allem der Familie seiner Frau zu verdanken hatte, zum anderen kam jetzt der Spross der Comeros ins Spiel; jener, so vermutete ich, der jetzt bei uns als Koch ausgebildet werden sollte.

»Und wieso?«, wiederholte ich genervt meine Frage von vorhin, als Antonio meinen Verdacht bestätigte.

»Weil Alessandro mich darum gebeten hat...«, antwortete Antonio, »...darum! Und was kann es schaden, Luca? Zwei Hände mehr. Außerdem plant Pietro sich langfristig selbstständig zu machen.«

Das stimmte. Pietro machte schon seit längerer Zeit keinen Hehl daraus, dass er mit dem Gedanken spielte, in Rimini ein kleines Restaurant zu eröffnen.

»Und was dann?«, fragte Antonio in die Runde. »Auf lange Sicht können wir gut jemanden gebrauchen. Und wir helfen einem alten Freund der Familie. Oder wie siehst du das, Matteo?«

Unser Großvater hatte sich im Hintergrund gehalten, nickte aber zustimmend, als er angesprochen wurde. »Hilf einem Freund, und ein Freund hilft dir.«

»So ist es!« Antonio schien erleichtert. »Shiro Comero wird in sechs Wochen hier eintreffen. Er bekommt Lucas altes Zimmer unter dem Dach. Und wir heißen ihn herzlich willkommen.«

Damit war das Thema für ihn erledigt.

 

Nicht jedoch für mich.

Es passte mir überhaupt nicht, meinen Traum, mein absolutes Ziel so einfach mit irgendeinem X-Beliebigen zu teilen. Und es war völlig klar, dass es darauf hinauslaufen würde. Ich wusste ja, wie es lief, mit Gino und Pietro. Die von außen hatten es immer besser bei uns, in der Küche. Das war Antonios Gesetz. Und der hier würde auch noch bei uns wohnen.

Wie aber konnte ich diesen Plan verhindern? Was für Möglichkeiten hatte ich?

Verbündete innerhalb der Familie suchen – lautete die simple Antwort.

Doch das war leichter gesagt als getan, denn Antonio wusste sich durchzusetzen. Darum war es wichtig, wirklich alle auf meiner Seite zu wissen. Dies erforderte nun ein behutsames Herantasten an alle entscheidenden Familienmitglieder.

Nach einigem Überlegen begann ich mein Vorhaben beim schwächsten Glied in meiner Planungskette umzusetzen, bei meinem Bruder Lorenzo.

Renzo, wie wir ihn nannten, war zwei Jahre älter als ich und fiel insofern aus der Art, da er sich nicht im geringsten für die Küche interessierte. Seinetwegen hatte Antonio einen externen Koch zusätzlich einstellen müssen, denn Renzo zeigte sich am Herd als schlicht untauglich. Eine Tatsache, die damals eine nicht enden wollende Krise im Familiengefüge zur Folge gehabt hatte.

Wie sich dann jedoch zeigen sollte, besaß er ungeahnte Talente beim Kellnern. Lorenzo war die geborene Servicekraft. Er behielt absolut den Überblick und ließ sich auch durch aufwändige Großveranstaltungen oder cholerische Gäste nicht aus der Ruhe bringen. Das war sein Ding. Er konnte es einfach, ohne groß darüber nachdenken zu müssen.

Ich selbst hatte nicht so viel mit ihm zu tun, obwohl wir altersmäßig relativ dicht beieinander lagen. Wir hatten uns einfach wenig zu sagen. Lorenzo zog sich gerne zurück - das hatte er wohl von unserer Mutter - und er las viel. Wenn er abends mal loszog, wusste keiner so genau, wohin es ihn eigentlich trieb, aber niemand machte sich wirklich Sorgen um ihn.

Renzo auf meine Seite zu bekommen, sah ich nicht so als ein Problem. Er mochte mich, aber ich zweifelte an seinem Einfluss, den er innerhalb der Familie hatte.

Ich traf ihn nach kurzer Suche beim Servietten-Mangeln im Anbau neben der Küche. Dort befanden sich Waschmaschine und Trockner für die Tischwäsche sowie eine Gefriertruhe, die wir für die Lagerung von Crash-Eis benötigten. Und besagte Wäschemangel.

Ich trug ihm also mein Anliegen vor, schilderte in drastischen Bildern, was es für die Zukunft bedeuten würde, wenn sich hier einfach so ein Externer in unserer Küche einnisten würde. Letztlich bat ich ihn flehentlich, seine Solidarität mit mir offen kund zu tun und so mich, seinen jüngeren Bruder, der auch mal eine Chance verdiene, in meinem Anliegen zu unterstützen.

Renzos Reaktion war ein Heben seiner linken Augenbraue und ein amüsierter Blick durch seine mocca-farbenen Locken.

»Und du meinst, dass ausgerechnet ich derjenige bin, der es schaffen könnte, Antonio umzustimmen? Falls du 's noch nicht gemerkt hast, Luca, ich bin die größte Enttäuschung seines Lebens. Und das nicht erst seit gestern...«

Im Grunde wusste ich, dass er recht hatte, aber es war mir wichtig, ihn trotzdem im Boot zu wissen.

»Ich will nur wissen, ob du auf meiner Seite stehst?«

»Warum nicht...«, sagte er nur und zuckte gleichgültig mit den Schultern. »Wenn es dir so wichtig ist, bin ich halt auf deiner Seite. Okay.« Er nahm mir einen Stapel Servietten ab, die ich aus dem Trockner gezogen hatte. »Was sagt Tomaso? Hast du schon mit ihm gesprochen?«

Das hatte ich in der Tat, mit einem niederschmetternden Ergebnis. Tomaso fand die Pläne unseres Vaters sogar positiv, sah hauptsächlich die Arbeitserleichterung, die sich langfristig daraus ergeben würde und gab mir unverblümt zu verstehen, dass ihm eher ein Arm abfalle, als unserem Vater zu widersprechen – schon gar nicht in Küchendingen.

»Was hast du erwartet?«, fragte Renzo spöttisch, dabei eine Serviette nach der anderen zwischen die dampfend heißen Mangel-Walzen führend. »Tomaso fragt den Alten garantiert noch, wann er scheißen darf und wann nicht. Das war noch nie anders. Aber versuch es mal bei Rebecca und Valentina. Die lieben keine Veränderungen. Das macht mehr Sinn, glaub mir...«

 

»Rebecca...?«

»...Luca...?«

Meine Schwester saß dicht am Bildschirm ihres Rechners, ihre Lesebrille auf der Nase und versuchte hochkonzentriert die Details eines eingescannten Lieferscheins zu entziffern.

»...Dass die auch immer... hrrgttnchml...«

»Mail ihnen doch, sie sollen es dir faxen...«, schlug ich vor.

Ihr Blick wanderte langsam vom Bildschirm zu mir, und er sagte mir ganz unmissverständlich, dass ich mich am allerbesten sofort zu verpissen hätte, und zwar für alle Zeiten. Kein guter Start.

»Ich bräuchte deine Hilfe«, versuchte ich es trotzdem.

»Dann lass dir einen Termin geben.« Sie hatte sich wieder dem Bildschirm zugewandt.

»Bitte...«, bettelte ich weiter. »Nur einen Moment, ja?«

Eigentlich verstanden meine Schwester und ich uns ziemlich gut. Daher wusste ich, wie ich sie einzuschätzen hatte.

Rebecca war die Älteste von uns Kindern. Sie lebte immer noch bei uns im Haus, ganz im Gegensatz zu Tomaso, der vor zwei Jahren ausgezogen war, um mit seiner Freundin Giade zusammenzuziehen. Eigenartigerweise war sie es, mit der ich am meisten zu tun hatte, von Anna einmal abgesehen.

Rebecca hatte die wichtige Aufgabe, alles zu verwalten, was wir umsetzten. Sie war die Einzige der Lauros - Matteo mal ausgenommen - die kaufmännischen Verstand mitbrachte.

Rebecca wusste, was finanziell 'drin' war und was eben nicht. Sollte ein zusätzlicher Ofen oder eine neue Außenbestuhlung angeschafft werden: an Rebecca kam man nicht vorbei. Niemand, auch unser Vater nicht. Keiner von uns wagte es, Rebeccas Kompetenz in Sachen Finanzen in Frage zu stellen. Ein durchaus wichtiger Punkt für mein Vorhaben, denn ihr Einfluss war nicht zu unterschätzen.

Ansonsten war sie freundlich, aufgeschlossen und eher der praktische Typ. Und sie war wunderschön. Fand ich zumindest. Ich sah sie einfach gerne an. Sie war nicht zu schlank, nicht zu klein und sie hatte mit Sicherheit den aufregendsten Mund von ganz Fano.

Dieser Mund ließ sich nun zu einem gnädigen Lächeln herab. Sie schob die Brille auf ihre Stirn, lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und wies auf das Sofa ihr gegenüber.

Eine Audienz also. Schon mal nicht übel.

Also setzte ich mich, schwang meine Beine über die Lehne und begann ihr von meinem Ansinnen zu berichten. Aber schon nach dem dritten Satz unterbrach sie mich mit einer eindeutigen Handbewegung.

»Luca, das sind Küchenangelegenheiten, warum nervst du mich jetzt damit?«

»Küchenangelegenheiten?« Ich konnte es nicht fassen. »Er wird hier bei uns wohnen. Unterm Dach. Über uns allen. Wie ein Familienmitglied. Küchenangelegenheiten?«

»Gut, du hast recht...«, versuchte sie mich zu beschwichtigen, »´...es geht über Küchenangelegenheiten hinaus. Aber vielleicht entwickelt sich ja alles ganz anders, als du vermutest. Warte es doch erst einmal ab.«

»Jahrelang wollte ich nur das eine: hier in der Küche arbeiten...«, jammerte ich deprimiert »...Und jetzt wird mir das wahrscheinlich alles kaputt gemacht. Nur wegen irgendeinem Comero aus Perugia.«

»Ah soo...« Nun schien sie zu begreifen, worum es mir eigentlich ging. »Also wenn es so ist... wenn du meinst...«, und dann lächelte sie beinahe liebevoll, während sie sagte: »Überzeuge Mutter, und du hast mich auf deiner Seite... Ist das so Okay für dich?«

Ich nickte. Das war mehr, als ich erwartet hatte.

 

Valentina also...

Bei unserer Mutter benötigte ich alle mir zur Verfügung stehenden Überredungskünste. Sie war am schwierigsten zu erreichen. Valentina hatte uneingeschränkten Einfluss auf unseren Vater, ließ sich aber von uns Kindern kaum etwas sagen.

Existierte zu meinem Vater eine Verbindung über die Küche, so gestaltete sich das Verhältnis zu meiner Mutter Valentina sehr viel komplizierter.

Sie war seit jeher eine zutiefst religiöse Frau, wortkarg, eher zurückgezogen und durch und durch streng.

Dennoch liebten wir sie, denn trotz ihrer Humorlosigkeit und ihrer eigenartigen Gottesfurcht war sie ein Mensch, der sich bemühte, immer gerecht zu sein. Am strengsten war sie denn auch mit sich selbst, und das milderte ihre oft eigenartigen Sanktionen gegen uns deutlich ab. Aber wirklich leicht hatte es niemand in der Familie mit ihr, denn ihre Regeln ergaben für uns nicht immer einen Sinn. Das lag wohl vor allem daran, dass niemand von uns ihre uneingeschränkte Hingabe zu Kirchgang und Bibelstudium teilte.

Valentinas Aufgabe im D’Agosta bestand darin, am Abend die Gäste zu empfangen und gegen Ende ihres Besuchs deren Rechnungen aufzustellen. Und in diesem Bereich war sie unschlagbar. Von Valentina begrüßt zu werden bedeutete für unsere Gäste, »gefeiert« zu werden. Diese Gabe besaß sie einfach, und wir Kinder stellten immer wieder neidisch fest, wie wunderbar es wohl sein musste, dieser Frau einfach mal nur so als Wildfremder zu begegnen.

An ihren Gerechtigkeitssinn zu appellieren, war nun das, was ich versuchen wollte, denn - da machte ich mir nichts vor - es war das Einzige, was mir blieb.

»Was dir nicht ganz klar zu sein scheint, Luca, ist, was deinen Vater zu diesem Schritt bewogen hat...« Dem war in der Tat so, und schon am Tonfall, gekoppelt mit ihrer Wortwahl, wusste ich, dass ich auf verlorenem Posten stand. »Er will dem Jungen helfen, weil er - ja, weil er eben Hilfe braucht«, fuhr sie fort und sah mich dabei erwartungsvoll an. »Ich wüsste nun wirklich nicht, was dagegen spricht.«

Dass es ungerecht ist. Dass es mir nicht passt - wollte ich ihr ins Gesicht schreien, aber ich ließ es natürlich bleiben. Hinzu kam, dass ich es für völligen Quatsch hielt. Unser Vater tat nichts, um zu helfen. Es mochte viele Gründe geben, warum Antonio etwas tat, auch gute und vernünftige, aber Hilfsbereitschaft gehörte nun mal überhaupt nicht zu seinen Tugenden.

Ich musste es einfach einsehen. Ich hatte verloren.

 

»Warum bist du so traurig, Luca?«

Es war meine kleine Schwester Anna, die mich das fragte. Ich saß draußen auf den Stufen zu unserem Restaurant und stocherte gedankenverloren mit einem kleinen Stock in den Ritzen der alten Steinplatten. Es war früh am Morgen, das Restaurant hatte noch geschlossen, und so konnte ich hier ungestört rumhängen. Dachte ich zumindest...

»...Es ist... nichts...«

»...Ich treffe gleich Ilaria, dann gehen wir zu ihr und backen Amarettini!«

»Schön für dich...«

Ilaria war Annas beste Freundin und die beiden würden so tun, als backten sie Amarettini, so wie sie immer so taten als sei das, was sie in ihrem Spiel erlebten, die pure Realität. Ich wusste das, denn ich war es gewesen, dem man in den letzten Jahren die Aufgabe übertragen hatte, auf Anna aufzupassen. Nicht Renzo oder Rebecca oder Tomaso oder uns allen abwechselnd - nein - mir hatte man das angetan! Noch so eine Ungerechtigkeit.

»Bring mir welche mit«, sagte ich etwas netter, denn sie konnte ja nun wirklich nichts dafür.

»Dann bist du wieder glücklich«, versicherte sie mir, gab mir einen Kuss auf die Wange und flitzte ins Haus zurück, um ihre zehn Millionen Sachen zusammen zu kramen, die sie heute noch brauchen würde...

Immerhin - sie entlockte mir ein Lächeln...

 

Was macht ein Sechzehnjähriger mit seiner Zeit?

Nun, andere Dinge als ich sie tat. Und darin lag vielleicht auch das Problem.

In den Augen meiner wenigen Freunde, die ich hatte, galt ich als eigenartig. Das war nie anders gewesen, und es hatte mich auch nie gestört. Es gab mir einfach nichts, mit meinem Roller in einer Tour um die drei in Frage kommenden Piazzas rumzukurven, und die Abende damit zu verbringen, in immer derselben Gruppe abzuhängen, immer die selben Mädchen anzubalzen und ewig die gleichen Sprüche abzulassen. So taten es die meisten hier, und so erwartete es man wohl auch von ihnen. Ich verbrachte meine Zeit lieber im Restaurant oder mit mir alleine.

Nicht, dass ich nicht versucht hätte, auch mal Anschluss zu finden - ich kannte das ja zur Genüge von Tomaso, nur - es ödete mich schon nach kurzem an. Ich wusste nicht, warum das so war - es war halt so. Es war für mich Zeit totschlagen, und daran hatte ich einfach kein Interesse.

Ich war halt kein typischer Sechzehnjähriger.

Kino - ja klar, Kino war ab und zu eine gute Alternative zur Küche, aber auch da schlug es mich eher alleine hin. Ich war halt ein Einzelgänger.

Um so mehr nervte es mich, dass damit nun Schluss sein würde.

Sicher hatte Antonio recht, wenn er sagte, wir könnten Unterstützung gebrauchen. Das musste ich zugeben, aber warum dann nicht gleich einen richtigen, ausgebildeten Koch? Ich wusste, dass es eine Warteliste von wirklich guten Köchen gab, die bei uns arbeiten wollten. Fakt war: Ein neuer Lehrling konnte sich nicht so einbringen wie ich das tat. Egal. Ich hatte mich damit abzufinden...

 

»Matteo ist stiller geworden...«

Mir wäre das vermutlich gar nicht aufgefallen, aber unsere Mutter äußerte sich eines Tages besorgt darüber.

»Vater spricht kaum noch.«, stellte sie irgendwann sachlich während einer mittäglichen Pasta fest. Sie nannte Matteo immer - Vater -, obwohl es der von Antonio und nicht ihr eigener war. Wir blickten von unseren Tellern auf, sahen uns gegenseitig an und nickten.

»Ja, jetzt wo du’s sagst.« Antonio nahm einen Schluck Rotwein und wandte sich zu mir.

»Wie ist das, Luca, spricht er mit dir? Du siehst ihn von uns hier doch am häufigsten.«

Das stimmte.

Matteo war derjenige in der Familie, der für die Einkäufe und Bestellungen zuständig war, und ich, als Lehrling, begleitete ihn in der Regel dabei.

»Mir ist nichts aufgefallen«, antwortete ich kauend, »...aber wir sind auch immer zu zweit, und da redet er so viel oder so wenig wie sonst auch.«

»Ob er krank ist?«, überlegte Antonio laut.

Unsere Mutter schüttelte den Kopf. »Dann hätte er gejammert. In dem Punkt ist er wie alle hier am Tisch.«

Antonio wollte widersprechen, überlegte es sich nach einem Blick auf Valentina jedoch anders. »Luca. Wenn du mit ihm losziehst und einkaufst, dann achte auf ihn, ja? Ob dir irgend etwas auffällt...« Ich nickte und widmete mich wieder meiner Pasta.

 

Die Markthalle von Pesaro ist der ultimative Ort.

Natürlich ist auch die von Fano nicht schlecht, aber für Matteo kamen eigentlich nur die Händler aus Pesaro in Frage, ganz klar, denn mein Großvater kam von dort.

Und daher kauften wir zumindest einmal die Woche dort ein.

Auf die Idee mit Matteo und dem Einkauf war Rebecca seinerzeit gekommen, als deutlich wurde, dass die Arbeit in der Küche zu schwer für ihn wurde.

»Keiner kennt die Händler in den Markthallen so wie er«, gab sie zu bedenken und jeder musste ihr Recht geben.

Also übertrug Antonio den kompletten Einkauf an Matteo. Es zeigte sich schnell, dass diese Idee zündete. Jeder - nicht nur die älteren Händler - schätzte meinen Großvater, und sie sorgten immer für eine erstklassige Bedienung. Niemand hätte es gewagt, Matteo Lauro alte oder überteuerte Ware anzudrehen, ganz gleich, ob in Pesaro oder Fano.

Im Grunde unterschied sich die Markthalle von Pesaro nicht von der anderer Orte, aber da ich sie nun schon seit meiner Kindheit kannte, liebte ich sie besonders. Vermutlich hatte sich aber auch einfach die Leidenschaft meines Großvaters auf mich übertragen.

Alleine schon der Duft, wenn man sie betrat. Würzig, leicht säuerlich, darüber immer ein Hauch von Chlor. Das war mir einfach vertraut. Ich wusste genau, welcher Gemüsestand die besten violetten Artischocken anbot oder welcher den aromatischsten Radicchio.

Über alledem hörte man die Stimmen. Manche verhandelnd, Ware anpreisend, andere orderten über fünf Stände hinweg Nachschub. Dazu kam das Lärmen der Kisten, die neu gestapelt oder gerade angeliefert wurden. Beile zerteilten lautstark Lammrippen oder köpften reihenweise größere Meeresfische.

Ich kannte das, und vor allem Matteo kannte das.

Wenn man zum Beispiel frische Kaninchen brauchte, ging man in jedem Falle zu Rosa Maria di Larotti. Das zarteste Lamm wiederum gab es bei Luciano Canepa. So hatte ich es von Matteo gelernt. Nur beim Fisch - da hing es von dem ab, was das Meer bereit war herzugeben - und welcher Fischhändler da das Glück gehabt hatte, am Hafen den besten Fang zu erwischen. Frisch waren sie alle.

Aber wer hatte die schönsten Langusten, die dicksten Seeschnecken oder die feinsten Barsche und Seezungen? Das entschied sich immer erst vor Ort, und da war es gut, Matteo bei sich zu haben.

Matteo hatte ein Auge für Frische und Qualität. Und vor allem Erfahrung.

»Beim Gemüse achte immer auf die kleinen Früchte, Luca...«, pflegte er zu sagen, »Du wirst sehen, dass sie mehr Aroma mitbringen. Ganz gleich, ob Bohnen, Kohlrabi oder Artischocken. Bei Möhren ist das genauso wie beim Spargel. Immer die Kleinen. Wie wir Italiener.« Und dann lächelte er in sich hinein, als hätte er einen besonders genialen Witz gerissen, während er mit geübtem Blick das Gemüse zusammenstellte.

An diesem Morgen nun achtete ich wie versprochen besonders auf Matteo, aber ich konnte nichts Auffälliges entdecken. Mein Großvater verhielt sich wie immer. Sicher, er war im Laufe der Jahre ruhiger geworden, aber das führte ich auf sein Alter zurück. Ungewöhnlich fand ich es nicht.

Um so überraschter war ich, als er plötzlich vorschlug, gemeinsam mit mir einen Caffè zu trinken. Das kam eigentlich nie vor, und es bedeutete vermutlich, dass er ein Gespräch suchte. Neugierig und gespannt lehnte ich mich gegen das Resopal der Theke in der Markthallen-Bar und rührte mechanisch den Zucker in meinen Caffè. Matteo hatte sich noch einen Grappa bestellt. Die Espressomaschine im Hintergrund zischte, ein Radio plärrte. Der Fernseher, der sonst immer lief, war wohl kaputt.

»Ende des Monats kommt der Neue...«, begann er unbeholfen. Man hörte seiner Stimme an, dass sie nicht oft benutzt wurde, »...und das gefällt dir nicht.«

Ich wollte schon Einspruch erheben, aber er winkte ab. »Ich erkenne, was ich sehe. Ich möchte nur, dass du weißt, dass du dir keine Sorgen machen musst. Was ich sagen will: Du kannst kochen, Luca. Das konntest du schon immer. Du hast das nötige Talent und den nötigen Verstand dafür. Und du bist geschickt und neugierig. Ich beobachte das schon eine ganze Weile.« Er lächelte, während er das sagte und kippte dabei seinen Grappa in den Caffè. »Wenn du also in der nächsten Zeit das Gefühl haben solltest, du kommst etwas zu kurz, und der Sohn von Alessandro Comero wird bevorzugt, dann nimm dir das nicht zu Herzen. Es wird dazu kommen, bestimmt, aber dann hat es auch damit was zu tun, dass man sich um dich einfach nicht kümmern muss.« Das war eine lange Rede für meinen Großvater.

»Mach dir keine Sorgen, Matti...«, sagte ich, berührt von all den Komplimenten, »...Es ist schon in Ordnung für mich.«

»Dann ist es gut.« Der Alte legte seinen Kopf leicht schräg, lächelte vertraut und sah mir fest in die Augen, »Aber wenn etwas ist, Kleiner, dann kommst du zu mir! Versprichst du mir das?«

Ich nickte. Und damit war das Thema erledigt.

 

Shiro Comero traf am Mittag des 12. April bei uns ein. Tomaso hatte die Aufgabe übernommen, ihn vom Bahnhof in Ancona abzuholen.

Ich war gerade damit beschäftigt, das Fleisch für den Abend von Sehnen und Häuten zu befreien, als die beiden in der Küche auftauchten. Und ich war überrascht.

Natürlich hätte mir klar sein müssen, dass es sich bei Alessandros Sohn nicht um das Abbild eines typischen Italieners handeln konnte - schließlich kam seine Mutter aus Japan. Alleine schon sein Name - aber ich hatte mir bislang überhaupt keine Vorstellung gemacht, wie ein Shiro eigentlich aussehen könnte.

Er hatte etwa meine Größe und war ziemlich mager, seine Hände steckten in seinen Hosentaschen. Sein schwarzes Haar trug er schulterlang und seine dunklen Augen waren erstaunlich groß für einen Asiaten - Halbasiaten - verbesserte ich mich innerlich.

Ich wischte mir die Hände an meiner Schürze ab und nickte zur Begrüßung.

Der Blick, den er mir zuwarf, war abschätzend. Nicht mehr und nicht weniger.

Na klasse.

Tomaso schien davon nichts mitzubekommen und plapperte drauflos, wie er es immer tat.

»Das wird also in Zukunft dein Arbeitsplatz sein.«, erklärte er mit einer ausladenden Handbewegung. »Die Küche! Aber keine Angst. Die erste Woche läufst du erst mal mit. Das beste ist, du begleitest Luca«, dabei zeigte er auf mich, »...und siehst ihm über die Schulter. Und dann geht es ganz langsam los.«

Shiro nickte, ohne den Blick von mir abzuwenden. Ich nickte ebenfalls und versuchte ein Lächeln, das mit so was wie gleichgültiger Regungslosigkeit quittiert wurde.

»Ich bin hier gleich fertig, dann zeig ich dir alles.«

Das war mit Tomaso so abgesprochen. Er musste Giade vom Arzt abholen und war eh schon spät dran. Unsere Eltern gratulierten zu einem 70. Geburtstag - Gastronomen können so etwas nur tagsüber erledigen - und der Rest der Familie war in unterschiedlichen Missionen unterwegs. Also lag es an mir, Shiro alles zu zeigen und ihn auf sein Zimmer zu bringen. Ich war begeistert.

Ich stellte das Fleisch kühl und wusch mir die Hände. Dann wandte ich mich Shiro zu, der mittlerweile allein und abwartend in der Küchentür stand.

»Hast du kein Gepäck?«

»Vorne bei der Bar.« Seine Stimme klang eigenartig heiser. Er ging vor und zeigte mir seine Sachen, zwei Koffer und eine Tasche. Ich griff mir einen der Koffer, hängte mir die Tasche um die Schulter und ging voraus, über die steile Treppe, hinauf bis ins Dachgeschoss zu seinem Zimmer.

Der Raum war nicht übel, weil er die gesamte Hausbreite einnahm und so zu zwei Seiten Fenster hatte. Aber er war schmal, und durch die Schräge nicht besonders vielseitig zu nutzen. Vor dem Westfenster stand ein Tisch mit zwei Stühlen, unter dem Ostfenster befand sich das Bett. In die Wand war ein Schrank eingebaut und ein bunter Flickenteppich lag auf den abgenutzten Holzdielen.

»Das war früher mal mein Zimmer, aber als Tomaso auszog...« Ich versuchte, irgendwie freundlich zu klingen. »Man hält's hier ganz gut aus.«

»Es ist in Ordnung.«

Shiro ließ sich aufs Bett fallen und wippte begutachtend auf und ab. »Genau richtig.«

Mir fiel auf, dass er akzentfrei italienisch sprach, es klang nur alles sehr heiser, was er sagte. Ich stellte seine Tasche auf einen der Stühle und öffnete den Schrank.

»Hier hat Valentina - Valentina ist meine Mutter - hier hat sie Handtücher für dich hingelegt.« Ich deutete auf ein Fach. »Wenn sie schmutzig sind, lässt du sie einfach unten im Bad liegen. Sie gibt dir dann neue.«

Er nickte.

»Ganz wichtig ist, dass du daran denkst, hier oben immer etwas zu trinken zu haben. Die Arbeit in der Küche macht dich durstig, aber das merkst du manchmal erst später. Und dann musst du nachts ganz runter bis in den Keller, und das nervt.«

Shiro beendete sein Wippen und stand vom Bett auf.

»Ich werd’s mir merken.«

»Tja - ansonsten wirst du alles andere heute Abend erfahren, wenn die Familie da ist, denk ich... Wenn du willst, kannst du dich ausruhen oder dich hier erst mal einrichten. Was du so willst, halt...« Ich wusste nicht, was ich weiter sagen sollte. »Hast du irgendeinen Wunsch?«, versuchte ich es.

Wieder der abschätzende Blick, sonst nichts.

»Was meinst du?«, fragte er schließlich. Irritiert sah ich ihn an.

»Na ja – möchtest du was essen, was trinken? Hast du Fragen? Soll ich dir irgendwas zeigen oder erklären?« Ich war ratlos.

»Dir über die Schulter schauen. Dein Bruder meinte, das soll ich tun.«

Danke auch, Tomaso.

Zehn Minuten später standen wir also wieder in der Küche, und Shiro sah mir dabei zu, wie ich Fleisch parierte, Gemüse putzte und Knochen sowie Gemüse für diverse Fonds vorbereitete. Wobei - beobachten - es besser traf. Dabei stellte er weder Fragen noch wirkte er besonders interessiert.

»Wieso willst du Koch werden?«, fragte ich ihn schließlich, während ich Fischgräten, Garnelenpanzer und die Köpfe der Tiere in einer Kasserolle kräftig anbriet. Die Frage stellte sich einfach.

»Wer sagt, dass ich es will?«

Ich war gerade dabei, Tomatenmark zu den Karkassen zu geben und hielt abrupt im Rühren inne.

»Ich weiß nicht, ob es das Richtige ist, für mich...«, kam er mir zuvor, »...aber ich werde es versuchen.«

»Dein Vater sagte meinem Vater...«

»Mein Vater!« Shiro lachte trocken, in seiner heiseren Art. »Mein Vater weiß natürlich ganz genau, was für mich das Richtige ist. Das wusste er schon immer...«

Oups. Was war das? Ich betrachtete ihn, wie er lässig eine schwarze Haarsträhne aus seiner Stirn strich und mich dabei abwartend beobachtete.

Schließlich hielt ich ihm einfach einen großen Stieltopf unter die Nase.

»Wasser...«

Er tat, was ich ihm sagte und füllte den Topf bis zum Rand.

»Und jetzt hier rein.« Nun deutete ich auf die Kasserolle. Shiro tat, was ich verlangte und sofort entstand ein kräftiger, scharfer Duft, der sich in Form einer dichten Dampfwolke in der Küche verbreitete.

»So...«, sagte ich schließlich, nachdem der Fond nun damit beginnen konnte, Aroma zu entwickeln, »...jetzt hast du das erste Mal im D’Agosta gekocht.«

Einen Moment stutze Shiro, aber dann nickte er begreifend, und so etwas wie ein vorsichtiges Lächeln flog über sein Gesicht.

»Und es riecht wirklich gut«, sagte er nur und dies erstmals irgendwie freundlich.

 

Der Nachmittag verlief dann eigentlich besser als gedacht. Anna lockerte die Situation auf ihre Weise auf, in dem sie hochneugierig immer wieder in der Küche auftauchte, um den 'Chinesen' sehen zu wollen. Shiro schien damit allerdings kein Problem zu haben. Anscheinend passierte ihm das öfter.

An diesem ersten Nachmittag gab ich ihm nach und nach einfache Dinge zu erledigen und ich hatte das Gefühl, dass ihm das nichts ausmachte. Dabei erklärte ich ihm jedes Mal, was ich gerade tat und vor allem warum. Er hörte aufmerksam zu und folgte all meinen Bewegungen mit seinen Augen. Das schien so ein Tick von ihm zu sein. Tatsächlich stellte er sich nicht dumm an. Ich ließ ihn zwar nicht an die Messer, aber im Grunde kann man schon am Rühren oder Ei-Aufschlagen erkennen, ob jemand zwei linke Hände hat oder eben nicht.

»Wieso bist du nicht in Perugia geblieben?«, fragte ich ihn irgendwann, bevor mir klar wurde, wie das klingen musste. »Deine ganzen Freunde leben doch schließlich da.«, versuchte ich es freundlicher.

»Eben, drum.« Seine Antwort ließ kein Nachfragen zu. »Aber hier soll's ja auch ganz okay sein, hab ich gehört. Das Meer und so...«

Er sagte das eher mechanisch, so als müsse er es so sehen und so hakte ich nicht weiter nach. Überhaupt war es schwierig, ein ganz normales Gespräch mit ihm zu führen. Doch zumindest war seine anfängliche Ablehnung verschwunden. Das war doch was. Ich erzählte ein bisschen von Fano, wie es so ist, wenn die Touristen einfallen. Ich beschrieb ihm, wie ich nachts, nachdem meine Schicht vorbei war, manchmal noch ans Meer fuhr, um ein paar Meter raus zu schwimmen. Ich erzählte von den hiesigen Festen, die im Laufe des Jahres gefeiert würden und von den Spezialitäten, die wir dann zubereiten müssen. Ich sprach über meine Familie, gab ihm Tipps, mit wem von ihnen man wie umzugehen hatte, wen man was fragen konnte und wen besser nicht. Und er hörte sich alles aufmerksam an, mit seinen wachen Augen und dem ernsten Gesicht.

Schließlich waren die Fonds ausreichend reduziert, das Fleisch pariert und die Gemüse soweit vorbereitet, dass die Arbeit bis zum Abend erledigt war.

»So, fertig!«, sagte ich, während ich mir die Hände abtrocknete. »Hast du einen Roller?«

Blöde Frage. Natürlich hatte er keinen. Er war schließlich mit dem Zug gekommen. Aber zu meiner Überraschung nickte er.

»Steht in Ancona. Ich muss ihn noch abholen. Hab ihn am Bahnhof abgestellt.«

Ich überlegte, wie viel Zeit bliebe, bevor das Abendgeschäft losging, aber es war zu spät.

»Das erledigen wir morgen«, entschied ich daher und fand mich richtig nett dabei.

So endete das erste Zusammentreffen mit Shiro Comero.

Was blieb, war ein eigenartiges Gefühl.

Und erstaunlicherweise merkte ich, wie all der Ärger, der mich die letzte Zeit begleitet hatte, mit einem Mal gegenstandslos geworden war. Warum, war mir allerdings schleierhaft...

 

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